Die Sicherheit von Beznau I muss bezweifelt werden

Nachgefragt bei Simone Mohr, Expertin Nukleartechnik & Anlagesicherheit

Energie & Umwelt (E&U): Wieso war das ENSI mit dem im November 2016 eingereichten Sicherheitsnachweis der Axpo nicht zufrieden? Wieso wurden weitere Materialprüfungen und Berichte eingefordert?

Die vom ENSI veröffentlichten Unterlagen zeigen, dass der kernbrennstoffnahe Ring C des Reaktordruckbehälters bereits vor 2012 so stark versprödet war, dass der Integritätsnachweis mit dem ursprünglichen Verfahren nicht mehr zu erbringen war. Die Versprödung war stärker als vorher berechnet. Nur nach weiteren Materialuntersuchungen, dem Einsatz weniger konservativer Berechnungsverfahren und unter Abbau weiterer Sicherheitsreserven liess sich der Integritätsnachweis führen.

Mit Entdeckung der Materialfehlercluster ausgerechnet in Ring C war klar, dass der bisherige Integritätsnachweis nicht ausreicht. Für den neu zu erbringenden Nachweis fehlten der Axpo Materialproben aus Originalwerkstoff. Als Notlösung wurde eine Replika des Rings C mit möglichst vergleichbaren Materialfehlern neu hergestellt. Dass die unbestrahlte und nicht materialermüdete Replika repräsentativ für den 48 Jahre alten Reaktordruckbehälter ist, muss bezweifelt werden. Die Methoden, mit denen die Axpo versucht, den Integritätsnachweis zu führen, reduzieren die Sicherheitsmargen, sind nicht ausreichend validiert und unter Umständen aufgrund der Randbedingungen nicht anwendbar. Das wird auch dem ENSI bekannt sein.

E&U: Die Axpo ist der Ansicht, dass die 950 Materialfehler im Reaktordruckbehälter die Sicherheit nicht gefährden: Warum gilt es, das Problem trotzdem ernst zu nehmen?

Die Materialfehlercluster führen zu einem veränderten Mikrogefüge des Stahls, da diese Einschlüsse härter sind als das sie umgebende Material. Sie befinden sich zudem im höchstbeanspruchten Bereich des Reaktordruckbehälters, in dem der Stahl starker Bestrahlung und Ermüdung ausgesetzt ist. Die hierdurch verursachten Prozesse im Material mit einer Replika nachbilden zu wollen, wird den allerhöchsten Qualitätsanforderungen, die hier geboten sind, nicht gerecht.

E&U: Die Axpo hat 700 Mio. Franken in Nachrüstungen investiert. Weil der Reaktor nun seit über zwei Jahren stillsteht, resultiert ein Verlust von 300 Millionen: Ist Beznau I schlicht und einfach «too big to fail»?

Von «big» kann eigentlich keine Rede sein, bei einer Nennleistung von 365 MW. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, die ein schwerer Unfall des Reaktors für die Schweiz und ihre Nachbarländer haben könnte, wären ein Vielfaches höher. Im Vordergrund müssen die sicherheitstechnischen Aspekte stehen. Der Reaktordruckbehälter mit dem Kernbrennstoff bildet das Herzstück eines Kernkraftwerks, der nicht ausgetauscht werden kann. Ein Integritätsverlust dieser Komponente gilt als nicht beherrschbar, die Nachrüstungen blieben in diesem Fall wirkungslos.

E&U: Unter welchen Voraussetzungen wird das ENSI eine Wiederinbetriebnahme von Beznau I erlauben?

Die Axpo hat die hohe Materialversprödung des Reaktordruckbehälterstahls falsch vorhergesagt, verfügt nicht über ausreichend repräsentative Originalproben für den Integritätsnachweis und versucht, diesen mit sukzessiver Einschränkung der Sicherheitsreserven und fragwürdigen Methoden zu führen. Dass auf dieser Basis ein Integritätsnachweis angenommen werden kann, ist schwer vorstellbar.

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Simone Mohr

Simone Mohr ist Senior Researcher Nukleartechnik am Ökoinstitut Darmstadt und Mitglied im Ausschuss «Reaktorbetrieb» der Reaktorsicherheitskommission (RSK) des Bundesumweltministeriums.

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