Die Schweiz gefangen im Gasnetz

Städte und Gemeinden müssten sich jetzt vom Erdgas verabschieden. Doch viele tun sich mit dieser Mammutaufgabe schwer – auch, weil das Gasgeschäft eine Cash Cow ist. Brisant: Selbst Städte und Gemeinden, die dem Gas abschwören, finanzieren die Lobby, die sich für den Erhalt der Netze einsetzt.

Von Sabina Galbiati*
Illustrationen: Sasha Marshani*

Der Krieg in der Ukraine und die Forderung «weg von russischem Öl und Gas» haben das Thema Erdgas von heute auf morgen ins Rampenlicht gerückt, nachdem es zumindest in der breiten Öffentlichkeit eher im Untergrund schlummerte, als wirklich im Klimabewusstsein präsent zu sein. Das Schweizer Gasnetz ist weitläufig – das gesamte Rohrleitungsnetz kommt auf eine Länge von über 20 000 Kilometer. Erdgas macht rund 15 Prozent des Endenergieverbrauchs der Schweiz aus. Nach Erdölprodukten und Elektrizität ist es nach wie vor der drittwichtigste Energieträger. Der Haken an der Sache liegt auf der Hand: Wir müssen wegkommen von fossilen Energieträgern und damit auch vom Erdgas. So erfordern es die Klimaziele des Pariser Abkommens, so verlangen es die Netto-Null-Ziele des Bundes bis 2050. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Die Cash Cow

Rund zwei Drittel des Erdgases werden in Privathaushalten und Dienstleistungsbetrieben verbraucht, wo es zum Heizen und für Warmwasser genutzt wird. Die kostspielige Infrastruktur besteht und will genutzt werden. Gasleitungen sind langlebig, ihre Nutzungsdauer beträgt 50 Jahre. Doch so alt sind viele Leitungen bei weitem nicht. Allein zwischen 2016 und 2018 ist das Gasverteilnetz um rund 500 km gewachsen. Das geht aus den Jahresstatistiken des Verbandes der Schweizerischen Gasindustrie VSG hervor. Man möchte fast sagen: kein Wunder. Denn mit Gas erzielen Städte und Gemeinden stattliche Gewinne. Die kommunalen Energieversorger verdienen mit Gas teils bis zu 60 bis 80 Prozent des Reingewinns, schätzen Branchenkenner. Das Gasgeschäft ist eine Cash Cow. Doch wie lange noch, ist fraglich. Denn seit die internationale Gasnachfrage nach der Pandemie gestiegen ist und kein Jahr später der Ukraine-Krieg begonnen hat, sind die Preise für Erdgas regelrecht durch die Decke geschossen. Ob aus wirtschaftlichen, ethischen oder Klimaschutzgründen: Jetzt wollen viele Kunden weg vom Gas. Die Nachfrage nach alternativen Lösungen wie Wärmepumpen, Holzpelletheizungen oder einem Anschluss an einen Wärmeverbund ist gemäss den Energiefachstellen so sehr gestiegen wie die Gaspreise. In Kantonen, die ihr Energiegesetz verschärft haben, verstärkt sich die Nachfrage zusätzlich.

Für Energieexpert:innen auf kantonaler und nationaler Ebene ist die Situation eindeutig: Wer jetzt das Gasnetz noch ausbaut oder verdichtet, kann nur verlieren. Gemeinden sollten nun möglichst schnell wegkommen vom Gas. Jetzt ist der letzte Zeitpunkt, um ohne vermeidbare Verluste mit dem Ausstieg aus dem Gasnetz anzufangen und Wärmenetze aufzubauen, die wirtschaftlich betrieben werden können – so lautet der Tenor. Technische Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Und doch: «Wir stellen fest, dass zahlreiche Gemeinden und Energieversorger zuwarten und auf die Lösung mit Biogas und erneuerbarem Gas hoffen», sagt Thomas Blindenbacher von der Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft Schweiz. «Selbst in Kantonen mit strengeren Energiegesetzen ist dies zu beobachten», sagt er. Für die Gemeinden sei die Abkehr vom Gasnetz eine Mammutaufgabe hinsichtlich Planung, aber auch, was finanzielle Mittel und die Bereitstellung der Infrastruktur angehe, insbesondere da, wo Wärmenetze als Ersatz aufgebaut werden müssten.

Die Mär vom grünen Gold

Einen weiteren Grund für das Zögern vieler Gemeinden sehen Energiefachleute und Politiker:innen bei der Gaslobby. Der Verband der Schweizer Gasindustrie VSG prognostiziert bis 2050 eine klimaneutrale Gasversorgung. Gelingen soll dies mit erneuerbaren Gasen. Dazu zählen Biogas sowie die Power-to-Gas-Lösungen Wasserstoff und synthetisches Methan. Bis 2030 soll der Anteil erneuerbaren Gases im gasversorgten Wärmemarkt für Haushalte auf 30 Prozent gesteigert werden, bis 2040 der Anteil im Gesamtmarkt auf 50 Prozent – so heisst es in den «Thesen 2020 der Schweizer Gaswirtschaft ». Die Thesen scheinen plausibel, doch unter Energieexpert:innen sind die formulierten Ziele des VSG höchst umstritten.

Beim WWF sieht man in den Versprechen des Gasverbandes eine Irreführung der Kunden und Gemeinden. «Selbst wenn bis 2030 30 Prozent erneuerbares Gas im Wärmemarkt erreicht würden, wären immer noch 80 bis 90 Prozent des Gesamtverbrauchs fossilen Ursprungs», sagt Elmar Grosse Ruse, Klima- und Energieexperte beim WWF. Und das ist laut den Fachleuten nur einer der Kritikpunkte. «Die Thesen vermitteln, dass der heutige Gasverbrauch und das Gasnetz in diesem Rahmen weiterbetrieben werden und Erdgas einfach durch erneuerbare Gase ersetzt werden kann», sagt etwa Jürg Rohrer, Professor und Leiter der Forschungsgruppe «Erneuerbare Energien» an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. «Doch selbst wenn man das gesamte Potenzial an erneuerbaren Gasen aus inländischer Produktion und Import ausschöpft, lässt sich damit nur etwa ein Drittel des heutigen Verbrauchs decken», sagt er.

Auch das Bundesamt für Energie (BFE) schätzt, dass Gas in der künftigen Energieversorgung der Schweiz eine untergeordnete Rolle spielen wird. «Bis 2050 wird sich der Gasabsatz in gemäss einer BFE-Studie je nach Szenario um 45 bis 85 Prozent reduzieren. Damit dürfte auch die Rentabilität der Gasnetze abnehmen», heisst es in der Einschätzung von 2019. Gemäss BFE könnten die klima- und energiepolitischen Zielsetzungen längerfristig nur erreicht werden, wenn auch der Erdgasverbrauch erheblich reduziert und die verbleibende Nachfrage so weit wie möglich mit erneuerbarem Gas gedeckt werde. Raumwärme und Warmwasser sollten – wo immer wirtschaftlich zumutbar – aus erneuerbaren Energien, aus Abwärme oder über einen Anschluss an ein thermisches Netz erzeugt werden.

Léonore Hälg, Co-Leiterin Fachbereich Klima und erneuerbare Energien bei der SES, sagt: «Mit den existierenden erneuerbaren Technologien könnten Gasheizungen ersetzt und der Gasverbrauch um jene zwei Drittel reduziert werden, die man aktuell für Heizung und Warmwasser benötigt.» Das limitierte Potenzial für «grünes Gas» soll in Sektoren eingesetzt werden, die nicht so leicht dekarbonisiert werden könnten, etwa in der Industrie für Prozesswärme. «Der Gasverband sollte diesbezüglich mutiger sein und das entsprechend kommunizieren.»

Absurde Finanzierung von Lobbying

Dass der Gasverband Lobbying betreibt und nicht den Rückbau des Gasnetzes propagiert, liegt in der Natur der Sache, könnte man nun sagen. Doch dieses Lobbying wird letztlich durch die Mitgliederbeiträge der Energieversorger finanziert, welche teils mehrere 100 000 Franken jährlich zahlen – Energieversorger, die wiederum grösstenteils im Besitz von Städten und Gemeinden sind. «Das führt zu etwas vom Absurdesten, was die Schweiz zu bieten hat», sagt Jürg Rohrer, «So finanzieren Gemeinden und Städte, die vom Gas wegkommen wollen, Lobbyarbeit gegen ihre eigenen Klimaziele.»

Beim Gasverband will man die Kritik nicht stehen lassen. «Unser Auftritt und unsere Publikationen haben das Ziel, Lösungen dafür aufzuzeigen, wie das Netto-Null-Ziel mithilfe von erneuerbaren Gasen erreicht werden kann», sagt Thomas Hegglin, Mediensprecher des VSG. Es sei klar, dass das Gasnetz auf künftige Erfordernisse angepasst und an einzelnen Orten auch zurückgebaut werde. «Das bestreiten wir nicht, doch wie und in welchem Umfang, das liegt in der Kompetenz der Gemeinden und Städte», sagt Hegglin. Es sei nicht die Aufgabe des Verbandes, Stilllegungen zu forcieren, sondern als Dienstleistungsorganisation den Mitgliedern ein breites Angebot an klimaneutralen Lösungen aufzuzeigen.

Zumindest bei den Grünen und teils auch weiteren Fraktionen vieler städtischer Parlamente ist der VSG längst zum Traktandum geworden. In Olten, Luzern, Schaffhausen, Zürich, Winterthur, Thun und Basel gab es Vorstösse, welche die Lobbyarbeit hinterfragten oder gar darauf abzielten, dass die städtischen Energieunternehmen aus dem Verband austreten. Der Grund: Die städtischen Energieversorger sollten mit ihren Mitgliederbeiträgen nicht indirekt das Lobbying finanzieren, welches die nationalen oder städtischen Klimaziele torpediere. Erst im vergangenen September hat das Winterthurer Stadtparlament den Antrag auf Kündigung der Mitgliedschaft im VSG der Stadtwerke an den Stadtrat überwiesen. Im Vorstoss heisst es: «Die Netto-Null CO2-Strategie von Stadtwerke Winterthur bezüglich des künftigen Gasnetzes in Winterthur passt nicht mehr zur Stossrichtung und den Interessen des VSG.» Dies betreffe insbesondere die Reduktion des Gasverbrauchs auf einen Drittel des heutigen Bedarfs sowie die primäre Fokussierung auf die industrielle Nutzung. Der VSG bekenne sich zwar zu den Netto-Null-Zielen des Bundes, sehe aber weiterhin eine Steigerung des Gasabsatzes und wachsende Netze vor.

Für die Aussagen im Vorstoss hat Hegglin kein Verständnis: «Wir sehen sicher keinen Ausbau vor, sondern unser Ziel ist die Dekarbonisierung der Gasversorgung.» Eine Ausbaustrategie sei unter den heutigen Voraussetzungen nicht vorgesehen. «Aber in der Weiterentwicklung neuer Technologien wie Power-to-Gas und der Förderung von grünem Wasserstoff tut sich aktuell enorm viel in Europa. Die Schweiz sollte da aktiv dranbleiben und das wiederum sehen wir als eine unserer Aufgaben: diese Entwicklungen voranzutreiben.»

Ob die Stadtwerke Winterthur die Mitgliedschaft kündigen? Bis der politische Entscheid gefällt sei, könne man diesbezüglich keine Aussage machen – das schreiben die Stadtwerke auf Anfrage.

Die Industriellen Werke Basel (IWB), eines der bisher grössten Mitglieder des Gasverbandes, sind Ende 2021 aus dem VSG ausgetreten – ein Unternehmensentscheid der IWB, weil sich die strategische Ausrichtung nur noch bedingt mit jener des Verbandes deckt. «Unsere Strategie ist ganz klar auf eine zügige Dekarbonisierung der Wärmeversorgung in den nächsten 15 Jahren ausgerichtet», sagt der IWB-Mediensprecher Erik Rummer. Alternative Lösungen wie Biogas und andere erneuerbare Gase seien mit grossen Unsicherheiten behaftet, insbesondere in Bezug auf die Verfügbarkeit in den kommenden Jahren, aber auch in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit.

Immerhin: Der Gas-Peak scheint erreicht zu sein. Seit 2018 sei das Gasnetz gemäss VSG kaum mehr gewachsen. Doch wie rasch sich die Gemeinden von der Cash Cow trennen werden, wird sich erst noch zeigen.

*Die Autorin

Daniel Bütler

Sabina Galbiati

Freischaffende Journalistin und SEO-Expertin.

www.sabinagalbiati.ch

*Illustration

Sasha Marshani

Die Illustrationen zu diesem Artikel wurden vom Moskauer Künstler und Illustrator Sasha Marshani realisiert. Aus Angst vor dem Krieg in der Ukraine sowie aus politischen und ethischen Gründen verliess Marshani Anfang März 2022 zusammen mit seiner Freundin Russland. Die beiden reisten nach Istanbul und von dort nach Tiflis (Georgien) weiter, wo sie derzeit leben.

instagram.com/sasha_marshani

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