Raus aus der Energieabhängigkeit

Unsere Energieversorgung basiert zu drei Vierteln auf Erdölprodukten, Erdgas und Kernbrennstoffen. Einheimische erneuerbare Energien können unsere Abhängigkeit von teuren und unsicheren Energieimporten reduzieren. Davon profitieren der Klimaschutz und auch unsere Volkswirtschaft.

Von Florian Brunner*

Die Schweiz hat sich mit dem Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, ihren Treibhausgasausstoss auf Netto Null zu senken. Das macht einen Umbau der Energieversorgung notwendig. Davon sind wir heute allerdings noch weit entfernt, wie ein Blick in die Gesamtenergiestatistik zeigt. Elektrizität macht rund einen Viertel des Energieverbrauchs aus, der Stromproduktionsmix ist CO2-arm und abgesehen vom Import der Kernbrennstoffe (Uran) einheimisch. Zwei Drittel der Gesamtenergie werden aber in Form von Erdölprodukten und Gas verbraucht, was die Treibhausgasemissionen in die Höhe treibt. Die restlichen 10 % sind nicht-elektrische erneuerbare Energie, z. B. Holz oder Solarwärme.

Die Schweiz deckt ihre Energieversorgung zum grössten Teil mit Importen aus dem Ausland.
Bild: stock.adobe.com/soleg.

Hohe Auslandabhängigkeit

Die Schweiz nutzt mit Ausnahme von Wasserkraft und Brennholz die landeseigenen Energievorkommen wenig. Bloss ein Viertel der in der Schweiz verbrauchten Energie stammt aus heimischer Produktion, das ist gleichbedeutend mit einer hohen Auslandabhängigkeit: Drei Viertel unserer Energie wird über weite Distanzen importiert, dazu gehören alle Erdölprodukte, Erdgas sowie die Kernbrennstoffe. Für den Import überweisen wir im Durchschnitt jährlich 10 Milliarden Franken ins Ausland. Nahezu zwei Drittel des in die Schweiz importierten Rohöls stammt aus den afrikanischen Ländern Nigeria, Libyen und Algerien, der Rest aus Kasachstan.1 Das Rohöl wird in der Raffinerie in Cressier (NE) zu den Fertigprodukten Heizöl, Benzin, Diesel oder Flugpetrol weiterverarbeitet. Neben dem Rohöl importieren wir den grössten Teil in Form von Fertigprodukten. Diese stammen allesamt aus Raffinerien in EU-Ländern. Deutschland als Hauptlieferant bezieht das Rohöl aus erdölproduzierenden Ländern wie Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, Irak, Ägypten, Libyen oder Nigeria.2 Auch unsere Fertigprodukt-Lieferanten sind auslandabhängig.

Wir sind nachweislich massiv von importierter Energie abhängig. Der Grossteil des Rohöls wird in wenigen Staaten gefördert – politisch meist instabile Gebiete. Hinzu kommen unsichere Energie- und CO2-Preisentwicklungen. Der weltgrösste Geldverwalter BlackRock warnte kürzlich seine Grossanleger vor weiteren Investitionen in fossile Konzerne. Dies alles birgt preislich und beschaffungspolitisch grosse Unsicherheiten. Der Umstieg auf erneuerbare Energien schützt uns vor starken Preisanstiegen bei den importierten Energieträgern und macht unsere Energieversorgung autonomer. «Gewinner [einer weltweiten Energiewende] werden alle Länder sein, die jetzt die fossilen Energieträger wie Erdöl und Erdgas importieren müssen», meint Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik.3

Neue erneuerbare Stromwelt

Von der Mobilität bis zum Haushalt: Unsere Abhängigkeit von Öl und Gas verursacht den grössten Teil der Schweizer Treibhausgasemissionen. Der Erdölanteil geht in der Schweiz langsam zurück, was vor allem mit Substitutionseffekten im Heizungsbereich zu tun hat: weg vom Öl hin zu Wärmepumpen, Fernwärme und Holz. Im Verkehrssektor hingegen stagniert der Treibstoffkonsum seit Jahren auf hohem Niveau. Viele Anwendungen, die auf fossiler Energie basieren, können mit elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen ersetzt werden. Heute stammt ein Drittel der europäischen Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen. Durch die Unterzeichnung der Pariser Klimaziele wäre auch in der Schweiz rasches Handeln notwendig, doch die Stromwende kommt hier nur schleppend voran.

Sichere Produktion im Inland

Die Schweiz könnte beim Strom auch auf Import setzen. Doch mit dem Klimaabkommen von Paris hat sich jedes Land verpflichtet, seinen Beitrag zu leisten. Nur die wenigsten Länder in der EU erreichen indessen bis heute die selbst gesetzten Klimaziele4. Damit ist unklar, ob die erforderlichen Mengen erneuerbarer Energien im Ausland überhaupt zur Verfügung stehen werden, und ob sie nicht vor Ort benötigt werden. Für Deutschland würde es beispielsweise bedeuten, dass der Ausstieg aus der Kohlestromproduktion erschwert wird, wenn Länder wie die Schweiz ihren erneuerbaren Strom komplett aus Deutschland importieren möchten. Das fehlende Stromabkommen könnte zudem den Zugang zum europäischen Strommarkt für die Schweiz erschweren. Die ElCom weist schon länger darauf hin, dass die einheimische Produktion aus Gründen der Versorgungssicherheit gestärkt werden sollte.

Eine Frage des politischen Willens

Eine nachhaltige Energieversorgung der Schweiz ist möglich und bezahlbar. Für Solar- und Windenergie und für Batterien sinken die Preise rapide. Strom lässt sich mit erneuerbaren Energien günstiger als mit Kohle, Öl, Gas und Atom erzeugen. Die Energiewende ist nicht länger eine Frage von technologischer Umsetzbarkeit oder wirtschaftlicher Rentabilität, sondern eine Frage des politischen Willens. Die Solarenergie verfügt in der Schweiz über das grösste Potenzial. Sie macht heute aber bloss knapp 4 % am Endverbrauch in der Schweiz aus. Die Kraft der Sonne könnte die Abhängigkeit von ausländischem Strom verringern: Auf die Fläche der Schweiz trifft etwa 200 Mal mehr Sonneneinstrahlung, als im gesamten Land Energie verbraucht wird.

100 % einheimisch und erneuerbar

Vorab gilt es, die Energieeffizienz zu steigern und unseren verschwenderischen Umgang mit Energie zu hinterfragen. Mit «100 % einheimisch und erneuerbar» stellen wir die Dekarbonisierung und Energieversorgung in Zukunft sicher. Eine konsequente Energiewende führt uns weg von unvorhersehbar schwankenden Energiekosten hin zu langfristigen und klimafreundlichen Entscheidungen mit hoher Investitionssicherheit in erneuerbare Energien. Das bringt mehr Unabhängigkeit, mehr Wertschöpfung im Inland und die Gewissheit, unseren notwendigen Beitrag zur Eindämmung der Erderwärmung zu leisten.

 

Quellen:

  1. In früheren Jahren gehörten auch Länder wie Mexiko, USA, Irak und Russland dazu, siehe Jahresbericht 2018 unter www.avenergy.ch
  2. siehe «Woher bekommt Deutschland sein Öl?» unter www.faz.net
  3. siehe «Die heutigen Erdöl-Importeure werden die Gewinner sein» unter www.srf.ch
  4. siehe www.climate-change-performance-index.org

 

*Der Autor

Florian Brunner

Florian Brunner
Leiter Fachbereich Klima

Tel. 044 275 21 24
Mail: florian.brunner@energiestiftung.ch
Twitter: @flo_brunn

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