Das Ende der fossilen Energien

Unsere Gletscher schmelzen dahin. Die im April lancierte Gletscher-Initiative will die Pariser Klimaziele in der Verfassung festschreiben und fordert netto Null CO2-Emissionen bis 2050. Die SES unterstützt die Forderungen der Initiative.

Von Tonja Iten*

Der globale Klimawandel wird jedes Jahr fühl- und sichtbarer. So geschehen im Hitzesommer 2018, als weltweit Temperatur-Höchstwerte gemessen wurden. Auch die Schweiz verzeichnete Rekordtemperaturen, nördlich der Alpen war 2018 das wärmste Jahr seit Messbeginn. Besonders arg litten die Gletscher. Trotz dicker Schneedecke verloren die rund 1500 Gletscher in der Schweiz 1,4 Milliarden Kubikmeter oder 2,5 % ihrer Eismasse.1 Den Rhonegletscher versuchte man mit weissen Vlies-Tüchern vor seinem dahinschmelzenden Schicksal zu schützen. So etwas ist sprichwörtlich Pflästerli-Klimapolitik.

Klimadiplomatie

Globale Probleme erfordern globale Lösungen. Das Klimaabkommen von Paris 2015 wurde deshalb als sensationeller Erfolg beklatscht. Präzedenzlos in der Tat verpflichtete sich damals die gesamte Staatengemeinschaft, den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter 2° Celsius zu beschränken. Bis spätestens 2050 dürfen also netto Null Treibhausgase emittiert werden, wie Berechnungen der Klimaforschung zeigen. Auch die Schweiz hat das Abkommen ratifiziert. Somit ist dieses zwar völkerrechtlich bindend, doch sieht das Abkommen keine Sanktionen gegen Staaten vor, welche die Ziele nicht einhalten. So hinken die klimapolitischen Taten der Schweiz ihren vielversprechenden Unterzeichnungen gemächlich hinterher. Genau hier will die Gletscher-Initiative ansetzen und die Ziele des Pariser Klimavertrags in der Schweizerischen Bundesverfassung verankern.

Ursache und Lösung

Die anthropogen verursachte Klimaerwärmung entsteht zu zwei Dritteln durch die Verbrennung fossiler Energieträger.2  Entsprechend einfach könnte die Lösung sein: Statt den fossilen Kohlenstoff zu verheizen, sollte dieser im Boden belassen werden. Die Hauptforderung der Gletscher-Initiative lautet entsprechend: Ab 2050 werden in der Schweiz keine fossilen Brenn- und Treibstoffe mehr in Umlauf gebracht. Fallen weiterhin anthropogen verursachte Treibhausgasemissionen an, muss deren Wirkung durch Senken neutralisiert werden.

Doch was einfach scheint, ist noch lange nicht leicht, weiss Marcel Hänggi, der Initiator des Volksbegehrens. Fossile Energien sind seit dem 19. Jahrhundert wichtigster Treiber des Wirtschaftswachstums. Entsprechend mächtig ist deren Lobby. Und so ist Klimapolitik eben auch Machtpolitik, schreibt Hänggi in seinem Buch zur Gletscher-Initiative.3 Der Historiker und Umweltjournalist hat den Trägerverein «Klimaschutz Schweiz» mitbegründet, der breit abgestützt ist. Im Initiativkomitee finden sich BürgerInnen, Wissenschaftler, Umweltorganisationen, Wirtschaftsvertreter und PolitikerInnen – inzwischen auch bürgerliche.

Bildgewaltige Gletscher

Der Verlust der Gletscher ist in der Schweiz eine der augenfälligsten Folgen des Klimawandels, begründen die Initianten die Namenswahl. Das Phänomen Klimawandel wird mit Blick auf die zerfallenden Gletscher fürwahr greifbar. Der Rückzug von Gletschern und Permafrost bedrohen die Stabilität der Bergflanken. Felsstürze wie jener am Piz Cengalo, der im Sommer 2017 das Bergdorf Bondo teilweise zerstörte, können zunehmen.

Nicht nur in der Schweiz, sondern global stellen die auftauenden Eismassen die Bevölkerung vor grosse Herausforderungen. Die schmelzenden Polkappen lassen den Meeresspiegel steigen, das rückgehende Gletschereis im Himalaya setzt die BewohnerInnen der Anrainerstaaten bitterem Wasser-Stress aus. Ob die Gletscher-Initiative die Schweizer Gletscher retten wird, bleibt indes ungewiss. Denn die Eismassen passen sich stets mit Verzögerung an Temperaturveränderungen an. Umso mehr tut rasches und zielführendes Handeln Not. Die heutigen laschen Reduktionsziele müssen einem Null-Emissionsziel weichen. Ein Verbot fossiler Energien mag heute noch utopisch-verwegen erscheinen. Doch ein solches muss, wenn nicht morgen, so doch übermorgen selbstverständlicher Teil der Schweizerischen Klimapolitik werden.

Quellen

  1. Akademie der Wissenschaften Schweiz, Medienmitteilung: Ein Jahr der Extreme für Schweizer Gletscher. Bern, 16. Oktober 2018.
  2. Dazu kommen weitere, vom Menschen verursachte Treibhausgase (u.a. Methan und synthetische Gase) sowie CO2, das nicht aus der Verbrennung fossilen Kohlenstoffs stammt (Waldrodungen, Bodendegradation, Zementproduktion).
  3. Marcel Hänggi, Null Öl. Null Gas. Null Kohle. Wie Klimapolitik funktioniert. Ein Vorschlag. Zürich, Rotpunktverlag, 2018.

*Die Autorin

Tonja Iten

Die Volkswirtschafterin Tonja Iten absolviert ein Praktikum bei der SES.

Tel. 044 275 21 29 
Mail: tonja.iten@energiestiftung.ch

 

Lesen

Ich abonniere das Magazin «Energie und Umwelt» für CHF 30.-/Jahr.

Anrede