«Wir streiken, bis gehandelt wird»

In zahlreichen Schweizer Städten begannen Jugendliche Ende 2018 für das Klima zu streiken. Statt im Schulzimmer zu hocken, gehen sie auf die Strasse und fordern die politischen Entscheidungsträger lautstark zum Handeln auf. Die Proteste weiten sich laufend aus. Ein Bericht vom Streiktag in Zürich.

Von Tonja Iten*

Es ist frisch an diesem Januarmorgen. Das hindert die Heerscharen von SchülerInnen aber keinesfalls daran, sich in der morgendlichen Kälte auf der Polyterrasse der ETH Zürich zu versammeln. Ihre Mission: Auf eines der schwerwiegendsten Probleme der Gegenwart aufmerksam machen – den Klimawandel. Es ist der 18. Januar und die neu formierte und rasant wachsende Bewegung hat in zahlreichen Schweizer Städten zum Schulstreik aufgerufen. Wieso zur Schule gehen, wenn wir keine Zukunft haben? So lautet die drängende Frage der demonstrierenden Jugendlichen, welche sie auf bunten Schildern auf die Strassen und ins öffentliche Bewusstsein tragen. Sie, die kommenden Generationen, werden die verheerenden Folgen der globalen Erwärmung ausbaden müssen.

Mehr als tausend SchülerInnen, Studierende und Solidarisierende lauschen an diesem Morgen den feurigen Reden der KlimastreikvertreterInnen, eine ETH-Professorin überreicht den Organisatoren den letzten Klimabericht. Der 17-jährige Jonathan Daum hat eine gelbe Leuchtweste übergestreift und hilft mit, die Menge zu organisieren. Dann setzt sich der Tross euphorisch johlend in Bewegung Richtung Hauptbahnhof.

«Je mehr wir sind, desto besser!»

Das Ganze nimmt seinen Anfang im Hitzesommer 2018, als die schwedische Schülerin Greta Thunberg ihren Klimastreik beginnt. Mit einem Protestschild in der Hand stellt sich die damals 15-Jährige vor das schwedische Parlamentsgebäude in Stockholm und fordert die Verantwortlichen auf, endlich ernsthafte Massnahmen gegen die Klimaerwärmung zu ergreifen. Gretas Protest hat sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet, die Medien sprechen von einer internationalen Jugendbewegung, die auch die Schweiz erfasst hat.

«Wir organisieren uns basisdemokratisch», erklärt die 16-jährige Janina Johner von der Kantonsschule Zürich Oberland. Alle Interessierten können sich in einer der zahlreichen Arbeitsgruppen (AG) engagieren, die auf den drei Ebenen Schule, Schweiz oder International funktionieren. Informationsaustausch und Mobilisierung erfolgen über Whatsapp-Chats und andere Social Media-Kanäle. Auch international sind die Schweizer Klimastreikenden bestens vernetzt. «Wir haben auch schon mit Greta telefoniert», bemerkt Jonathan der AG «International Coordination», nicht ohne Stolz.

Von wegen apolitische Jugend

Mit drei Forderungen wollen die Streikenden die PolitikerInnen aus ihrer Lethargie reissen: Netto Null Treibhausgas-Emissionen in der Schweiz bis 2030, die nationale Ausrufung des Klimanotstands und, falls nötig, auch einen Systemwechsel. «System Change – not Climate Change!» steht auf zahlreichen Transparenten. In der Bahnhofstrasse angekommen, legt der bereits auf 2000 Leute angewachsene Demonstrationszug eine Schweigeminute ein. Die Passanten beobachten das bunte Geschehen interessiert, zum Teil bewundernd, zum Teil aber auch skeptisch. Das Feedback ist nicht nur positiv, das Umfeld nicht immer unterstützend.

«Als mein Vater in der Zeitung von 'Disziplinarverfahren' las, wollte er nicht, dass ich heute streiken gehe», erzählt die 17-jährige Simea Koch, die dieselbe Klasse wie Janina und Jonathan besucht. Doch die aktivistische Komplizenschaft eint – und ermächtigt. «Einschüchtern lassen wir uns nicht», sagt Jonathan entschlossen, auf die kritische Haltung der Schulleitung angesprochen. Von ihrem Klimaaktivismus sind die Streikenden fest überzeugt, auf Kritik haben sie sofort Antworten parat. Einzelpersonen und die kleine Schweiz können ja doch nichts tun? «Lächerlich», meint Jonathan, «die Schweiz hat die besten Voraussetzungen und muss hier eine Vorreiterroll übernehmen». Janina ist empört über Kritiker, die ihnen Scheinheiligkeit und blosses Schulschwänzen vorwerfen, «es geht um unsere Zukunft!».

Und wie sieht es mit dem eigenen Verhalten und Konsum aus? Für die 17-jährige Vesna Müller ist umweltbewusstes Verhalten selbstverständlich: «Wir können nicht eine Bewegung sein, Forderungen stellen und selbst widersprüchlich handeln.» Janina nickt. Wenn ihre Eltern Familienurlaub mit dem Flugzeug planen, da mache sie nicht mit. Doch auch sie würden natürlich nicht stets mit allerletzter Konsequenz handeln, geben die Klimakids zu. «Wir wollen ja nicht jedem vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat», so Janina. Darum sei nun eben dringend die Politik gefragt, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.

Der nächste Streik kommt bestimmt

Am See beim Bürkliplatz angekommen, neigt sich der Streik seinem Ende zu. Einige der Organisatoren und Spontangesinnte greifen zum «Open Mic», bedanken sich und feuern an. Jonathan hat ein Lied vorbereitet und führt seinen enthusiastischen Protest singend und mit Gitarre fort. Sind die Forderungen denn überhaupt realistisch, nicht zu radikal? Vesna entgegnet lapidar: «Unsere Forderungen sind zwingend nötig», um die Klimaerwärmung auf ein erträgliches Mass zu beschränken. Der Zukunft der Bewegung sehen die Überzeugungstäter optimistisch entgegen: «Wir streiken, bis gehandelt wird!»

*Die Autorin

Tonja Iten 
Volkswirtschafterin, SES-Praktikantin

Tel. 044 275 21 29
Mail: tonja.iten@energiestiftung.ch

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