AKW Beznau 1: Sicherheitsnachweis erneut in der Kritik

Die SES hat in der Vergangenheit bereits verschiedentlich den Sicherheitsnachweis der Axpo zu den ungewöhnlichen Einschlüssen im Reaktordruckbehälter des AKW Beznau 1 kritisiert. Nun stellt Prof. em. Dr. Kim Wallin, Materialexperte für Reaktordruckbehälter, in einem neuen Gutachten Defizite in der damaligen Nachweisführung fest.

Im AKW-Beznau hat die Jahresrevision begonnen. Dabei steht eine erneute Ultraschall-Untersuchung des Reaktordruckbehälters (RDB) des AKW Beznau 1 an. Nachdem dort 2015 Anomalien entdeckt worden waren, musste der Reaktor aufgrund von Sicherheitsbedenken vom Netz. In einem eigens dafür entwickelten Verfahren hat die Axpo in der Folge einen Nachweis für die Sicherheit des Druckbehälters erbracht. Sie liess Bruchtests an einer Kopie (Replika) des betroffenen Reaktorrings durchführen. Der Untersuchung der Replika ging eine fraktografische Analyse von Original-Materialproben voraus, die gemäss der Atomaufsicht für den Nachweis von zentraler Bedeutung war. Letztlich hat das ENSI den Sicherheitsnachweis akzeptiert, Beznau 1 ging 2018 wieder in Betrieb.

Letztlich hat das ENSI den Sicherheitsnachweis akzeptiert, Beznau 1 ging 2018 wieder in Betrieb. In einem neuen Gutachten stellt nun Prof. em. Dr. Kim Wallin, ein weltweit führender Materialexperte für Reaktordruckbehälter, Defizite in der damaligen Nachweisführung fest. Die Bedenken Wallins legen für die aktuelle Revision eine weit gründlichere Nachprüfung nahe.

Die Sicherheitsprüfung des RDB muss weiter gehen

Laut Wallin weist der Bericht zur fraktographischen Untersuchung verschiedene Mängel auf. So fehlen Details zu den Befunden und eine statistische Analyse zur Verteilung und Häufigkeit der gefundenen Einschlüsse. Klar sei jedoch, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen unbestrahltem Material aus der Replika und bestrahltem Material gäbe, der nicht vollständig untersucht worden sei.

Insbesondere wäre es zwingend erforderlich, auch frühere Materialproben aus dem RDB von Beznau 1 vollständig analysieren zu lassen, um belastbare Aussagen über die betriebsbedingte Versprödung machen zu können. Schliesslich sei die nachteilige Wirkung von Mangansulfid-Einschlüssen nicht näher untersucht worden, worin der Fachmann ein Defizit erkennt. Insgesamt erscheine der Bericht unvollständig, es fehle insbesondere eine ausführliche Diskussion der Befunde.

Die Bedenken ausräumen, bevor Beznau 1 ans Netz geht

«Beim ältesten Reaktor Europas darf in Sicherheitsfragen keine Kompromisslösung gefunden werden», sagt Fabian Lüscher, Leiter Fachbereich Atomenergie bei der SES, dazu. Die SES fordert, dass die Bedenken zum Sicherheitsnachweis von Beznau 1 geklärt und die festgestellten Lücken im fraktographischen Bericht behoben werden, bevor Beznau 1 nach der Jahresrevision wieder angefahren wird.

» zum Gutachten von Prof. em. Dr. Kim Wallin

 

Fabian Lüscher

Fabian Lüscher
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 20
Mail: fabian.luescher@energiestiftung.ch

 

 

Der Sicherheitsnachweis von Beznau 1 – die Chronologie

2011: Das ENSI verlangt von der Axpo den Beweis, dass der Reaktordruckbehälter des AKW Beznau auch nach 60 Betriebsjahren sicher sein wird.  Das Resultat nach herkömmlicher Methode liegt nur knapp unter dem vom UVEK festgelegten Grenzwert. 2010 hatte das Ensi neue Methoden eingeführt, die der Axpo zu besseren Ergebnissen verhalfen. Das ENSI akzeptierte in der Folge den Sicherheitsnachweis für 60 Betriebsjahre.

2012: Die Medien berichten, dass der Stahl der Reaktordruckbehälter von belgischen AKW tausende möglicherweise sicherheitsrelevante Einschlüsse beherbergen. Die Western European Nuclear Regulators Association (WENRA) empfiehlt daraufhin alle AKW mit geschmiedeten Reaktordruckbehältern auf Einschlüsse zu überprüfen.

2015: Die Axpo führt auf Anweisung des ENSI Ultraschalltests in den Reaktoren Beznau 1 und 2 durch. Das Resultat: Auch Beznau 1 enthält viele blasenförmige Einschlüsse, womit der Sicherheitsnachweis gefährdet ist. Das AKW muss vom Netz.

2016: Um die Sicherheit von Beznau 1 zu belegen, muss die Axpo nachweisen, dass die Einschlüsse die Materialeigenschaften nicht beeinträchtigen. Weil kein verwertbares Originalmaterial mit identischen Einschlüssen für Tests zur Verfügung steht, lässt die Axpo eine Kopie (Replika) des Rings C des Reaktordruckbehälters schmieden.

2018: Die Axpo präsentiert die Einschlüsse als Aluminiumoxid, die den Stahl des Reaktordruckbehälters nicht schwächen würden. Das ENSI akzeptiert den Sicherheitsnachweis und lässt Beznau 1 wieder ans Netz. Ein internationales Expertengremium (International Review Panel, IRP) bestätigt die Beurteilung des ENSI.

2019: Seit dem Ensi-Entscheid zur Wiederinbetriebnahme von Beznau 1 versucht die SES Einblick in die Unterlagen zum Sicherheitsnachweis zu erhalten um die sicherheitstechnische Begründung nachvollziehen zu können. Bislang wird der SES der Zugang zu den relevanten Dokumenten jedoch verweigert. Also hat die SES beim Öko-Institut eine 
Analyse der öffentlich zugänglichen Dokumente zum Sicherheitsnachweis in Auftrag gegeben, welche im November erscheint.

2020: Die Analyse des Öko-Instituts wird vom ENSI anfangs Juni 
heftig kritisiert. Das Öko-Institut präsentierte daraufhin seine Replik auf die Ensi-Stellungnahme. Daraus geht hervor, dass das Ensi trotz der scharfen Worte die zentralen, sicherheitsrelevanten Punkte nicht entkräftet, da es auf die Hauptkritik nicht ausreichend eingeht.

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AKW Beznau 1: Sicherheitsnachweis erneut in der Kritik

Die SES hat in der Vergangenheit bereits verschiedentlich den Sicherheitsnachweis der Axpo zu den ungewöhnlichen Einschlüssen im Reaktordruckbehälter des AKW Beznau 1 kritisiert. Nun stellt Prof. em. Dr. Kim Wallin, Materialexperte für Reaktordruckbehälter, in einem neuen Gutachten Defizite in der damaligen Nachweisführung fest.

Im AKW-Beznau hat die Jahresrevision begonnen. Dabei steht eine erneute Ultraschall-Untersuchung des Reaktordruckbehälters (RDB) des AKW Beznau 1 an. Nachdem dort 2015 Anomalien entdeckt worden waren, musste der Reaktor aufgrund von Sicherheitsbedenken vom Netz. In einem eigens dafür entwickelten Verfahren hat die Axpo in der Folge einen Nachweis für die Sicherheit des Druckbehälters erbracht. Sie liess Bruchtests an einer Kopie (Replika) des betroffenen Reaktorrings durchführen. Der Untersuchung der Replika ging eine fraktografische Analyse von Original-Materialproben voraus, die gemäss der Atomaufsicht für den Nachweis von zentraler Bedeutung war. Letztlich hat das ENSI den Sicherheitsnachweis akzeptiert, Beznau 1 ging 2018 wieder in Betrieb.

Letztlich hat das ENSI den Sicherheitsnachweis akzeptiert, Beznau 1 ging 2018 wieder in Betrieb. In einem neuen Gutachten stellt nun Prof. em. Dr. Kim Wallin, ein weltweit führender Materialexperte für Reaktordruckbehälter, Defizite in der damaligen Nachweisführung fest. Die Bedenken Wallins legen für die aktuelle Revision eine weit gründlichere Nachprüfung nahe.

Die Sicherheitsprüfung des RDB muss weiter gehen

Laut Wallin weist der Bericht zur fraktographischen Untersuchung verschiedene Mängel auf. So fehlen Details zu den Befunden und eine statistische Analyse zur Verteilung und Häufigkeit der gefundenen Einschlüsse. Klar sei jedoch, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen unbestrahltem Material aus der Replika und bestrahltem Material gäbe, der nicht vollständig untersucht worden sei.

Insbesondere wäre es zwingend erforderlich, auch frühere Materialproben aus dem RDB von Beznau 1 vollständig analysieren zu lassen, um belastbare Aussagen über die betriebsbedingte Versprödung machen zu können. Schliesslich sei die nachteilige Wirkung von Mangansulfid-Einschlüssen nicht näher untersucht worden, worin der Fachmann ein Defizit erkennt. Insgesamt erscheine der Bericht unvollständig, es fehle insbesondere eine ausführliche Diskussion der Befunde.

Die Bedenken ausräumen, bevor Beznau 1 ans Netz geht

«Beim ältesten Reaktor Europas darf in Sicherheitsfragen keine Kompromisslösung gefunden werden», sagt Fabian Lüscher, Leiter Fachbereich Atomenergie bei der SES, dazu. Die SES fordert, dass die Bedenken zum Sicherheitsnachweis von Beznau 1 geklärt und die festgestellten Lücken im fraktographischen Bericht behoben werden, bevor Beznau 1 nach der Jahresrevision wieder angefahren wird.

» zum Gutachten von Prof. em. Dr. Kim Wallin

 

Fabian Lüscher

Fabian Lüscher
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 20
Mail: fabian.luescher@energiestiftung.ch

 

 

Der Sicherheitsnachweis von Beznau 1 – die Chronologie

2011: Das ENSI verlangt von der Axpo den Beweis, dass der Reaktordruckbehälter des AKW Beznau auch nach 60 Betriebsjahren sicher sein wird.  Das Resultat nach herkömmlicher Methode liegt nur knapp unter dem vom UVEK festgelegten Grenzwert. 2010 hatte das Ensi neue Methoden eingeführt, die der Axpo zu besseren Ergebnissen verhalfen. Das ENSI akzeptierte in der Folge den Sicherheitsnachweis für 60 Betriebsjahre.

2012: Die Medien berichten, dass der Stahl der Reaktordruckbehälter von belgischen AKW tausende möglicherweise sicherheitsrelevante Einschlüsse beherbergen. Die Western European Nuclear Regulators Association (WENRA) empfiehlt daraufhin alle AKW mit geschmiedeten Reaktordruckbehältern auf Einschlüsse zu überprüfen.

2015: Die Axpo führt auf Anweisung des ENSI Ultraschalltests in den Reaktoren Beznau 1 und 2 durch. Das Resultat: Auch Beznau 1 enthält viele blasenförmige Einschlüsse, womit der Sicherheitsnachweis gefährdet ist. Das AKW muss vom Netz.

2016: Um die Sicherheit von Beznau 1 zu belegen, muss die Axpo nachweisen, dass die Einschlüsse die Materialeigenschaften nicht beeinträchtigen. Weil kein verwertbares Originalmaterial mit identischen Einschlüssen für Tests zur Verfügung steht, lässt die Axpo eine Kopie (Replika) des Rings C des Reaktordruckbehälters schmieden.

2018: Die Axpo präsentiert die Einschlüsse als Aluminiumoxid, die den Stahl des Reaktordruckbehälters nicht schwächen würden. Das ENSI akzeptiert den Sicherheitsnachweis und lässt Beznau 1 wieder ans Netz. Ein internationales Expertengremium (International Review Panel, IRP) bestätigt die Beurteilung des ENSI.

2019: Seit dem Ensi-Entscheid zur Wiederinbetriebnahme von Beznau 1 versucht die SES Einblick in die Unterlagen zum Sicherheitsnachweis zu erhalten um die sicherheitstechnische Begründung nachvollziehen zu können. Bislang wird der SES der Zugang zu den relevanten Dokumenten jedoch verweigert. Also hat die SES beim Öko-Institut eine 
Analyse der öffentlich zugänglichen Dokumente zum Sicherheitsnachweis in Auftrag gegeben, welche im November erscheint.

2020: Die Analyse des Öko-Instituts wird vom ENSI anfangs Juni 
heftig kritisiert. Das Öko-Institut präsentierte daraufhin seine Replik auf die Ensi-Stellungnahme. Daraus geht hervor, dass das Ensi trotz der scharfen Worte die zentralen, sicherheitsrelevanten Punkte nicht entkräftet, da es auf die Hauptkritik nicht ausreichend eingeht.

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