Juni-News aus Fukushima

25.6.2012 - Die Schweizerische Energie-Stiftung SES setzt sich dafür ein, dass der Super-GAU in Fukushima nicht vergessen geht. Dank der japanischen Fachjournalistin Kaori Takigawa dürfen wir Ihnen Aktualitäten & Hintergründe aus Japan liefern. Für Fragen oder Anregungen stehen wir per oder telefonisch unter 044 275 21 21 gerne zur Verfügung.

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Die Blog-Einträge im Juni:
1. 36% der Kinder aus Fukushima haben veränderte Schilddrüsen
2. Streit um das Wiederhochfahren zweier Reaktoren des AKW Oi
3. Verstrahlte Fischkonserven als Entwicklungshilfe
4. Geheimnisvoller schwarzer Staub in Tokyo – hochradioaktiv!
5. Fukushima-BewohnerInnen klagen gegen Verantwortliche
6. Vorbereitungen für das Stromsparen 2012
7. Lichtblick: KEV ab 1. Juli 2012!

1. 36% der Kinder aus Fukushima haben veränderte Schilddrüsen
Soeben hat das Gesundheitsdepartement der Präfektur Fukushima die neuesten Ergebnisse der Untersuchung von Schilddrüsen bei über 38‘000 Kindern veröffentlicht. Bei 36% der untersuchten Kinder wurden Zysten und Knoten entdeckt. Das Gesundheitsdepartement hält 99,5% der Fälle für problemlos und will diese Kinder in den nächsten 2.5 Jahren nicht weiter untersuchen - es stellt sich die Frage, auf Grund welcher Kriterien dies entschieden wurde. Die genauen Ergebnisse, ebenso wie Bilder und Kommentare der Ärzte werden den Patienten und ihren Familien vorenthalten. Einer der Hauptverantwortlichen dieser Untersuchung, Prof.Dr. Shunichi Yamashita, Vizepräsident der Fukushima Medical University, empfielt auch den Kollegen der Gesellschaft der Schilddrüsen- Fachärzte in ganz Japan, gegenüber verunsicherten Patienten weitere Untersuchungen für unnötig zu erklären.
Dr. Michiyuki Mazuzaki vom Fukagawa Stadtspital vergleicht in einem Bericht die Ergebnisse der Untersuchung mit jenen aus verschiedenen Ländern inkl. Tschernobyl. Er kommt zum Schluss, dass die Werte in der Präfektur Fukushima extrem hoch sind.
Quelle: NGO GoE Japan
» mehr zur Problematik in Fukushima
» zum Matsuzaki-Bericht

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2. Streit um das Wiederhochfahren zweier Reaktoren des AKW Oi
Seit Anfang Mai ist in Japan kein einziges AKW mehr im Betrieb. Premierminister Yoshihiko Noda hat am 8. Juni das Wiederhochfahren zweier Reaktoren in Oi (Fukui, Westjapan) für notwendig erklärt. Die beiden Reaktoren sollen Anfang bis Mitte Juli wieder ans Netz gehen. Die Standortgemeinde Oi hat diesem Entscheid zugestimmt. Die Gemeinde ist wirtschaftlich sehr stark von der Atomindustrie abhängig. Der Stadtpräsident ist zugleich Inhaber eines Unternehmens, das von AKW-Betreibern grosse Aufträge erhält. Prämierminister Noda will mit dieser Entscheidung «das Leben der Bevölkerung schützen». Dies sei die grösste Verantwortung des Staates. Obwohl es nach seinen Worten keine absolute Sicherheit gibt, hat er Massnahmen angeordnet, die im Fall eines Erdbebens oder Tsunamis eine Kernschmelze verhindern sollen. Noda möchte die beiden AKW auch nach dem Sommer, also nach der Spitzenbedarfsperiode in Japan, weiterbetreiben. Die Sicherheitsmassnahmen sind bisher nur teilweise ausgeführt worden. Eine Wartezeit von mehreren Jahren wird in Kauf genommen. Für den Fall einer notwendigen Evakuation gibt es nur eine einzige Fluchtstrasse. Der Verdacht, der AKW-Komplex befinde sich auf einer aktiven geologischen Verwerfungslinie, wurde bis jetzt nicht widerlegt. Die Metropolen Kyoto und Osaka befinden sich innerhalb der 100 Kilometer Zone. In ganz Japan gibt es laufend Demonstrationen der Bevölkerung gegen das Wiederhochfahren der AKW und zahlreiche Petitionen werden eingereicht. Der Anlagebetreiber und Stromversorger Kansai-Electricity verfügt über das Strommonopol in der Metropolenregion und droht mit einer zeitweisen Stromabschaltung. Diese Ankündigung hat die Unternehmer der Region verunsichert, womit grosser politischer Druck aufgebaut werden konnte.
Quelle: Rede der Prämierminister Noda com 8.6
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3. Verstrahlte Fischkonserven als Entwicklungshilfe
Das japanische Aussenministerium möchte im Rahmen seiner Entwicklungshilfe gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm der UNO (WFP), Fischkonserven aus Nordost-Japan in Wert von ca. 12 Mio. CHF an Hungergebiete in Kambodscha, Ghana, Kongo, Senegal und Sri Lanka verschenken. Diese Fischkonserven sind in Japan durch «Rufschaden» in Folge der Reaktorkatastrophe schwer zu verkaufen. Das Ministerium verspricht gleichwertige Qualität, wie sie auf dem japanischen Markt üblich ist. Das heisst keineswegs, dass diese Fische nicht verstrahlt sind, die Werte liegen einfach unter dem japanischen Grenzwert.
Quelle: Sankeinews, Aussenministerium Japans MOFA

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4. Geheimnisvoller schwarzer Staub in Tokyo – hochradioaktiv!
Eine Bürgergruppe hat in Tokyo an zahlreichen Standorten hochstrahlenden schwarzen Staub entdeckt. Dieser ist nahezu allgegenwertig: am Strassenrand, in Parkanlagen, Böschungen, etc. Pro Kilogramm wurden bis zu 243‘000 Becquerel gemessen. Der schwarze Staub ist eine vertrocknete Blaualgenart, die Radioaktivität sehr stark bindet. Die Gefahr ist gross, dass der Staub durch Einatemen bzw. indirekt eingenommen wird. Eine Gruppe von StadtparlamentarierInnen hat kürzlich die Ergebnisse ihrer Messungen in Tokyo veröffentlicht: Auf Strassen und im Parkanlagen wurden bis über 8000 Becquerel/kg gemessen. Im Stadtpark Mizumoto wurde stellenweise Erde mit bis zu 251‘000 Becquerel/kg gemessen, bzw. 1,1 Mikrosievert pro Stunde und das ein Meter über dem Boden.
Quelle: SPA!, Tokyotar Stadtparlamentariergruppe Kyosanto
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5. Fukushima-BewohnerInnen klagen gegen Verantwortliche
1324 BewohnerInnen der Präfektur Fukushima haben am 11. Juni einen Strafprozess gegen die Verantwortlichen der Reaktorkatastrophe bei der Staatsanwaltschaft von Fukushima eingeleitet. Angeklagt sind 33 Personen: 15 aus der Geschäftsführung von Tepco, 7 aus der Sicherheitskommission, 3 aus dem Sicherheitsamt, sowie 9 weitere Beamte, Professoren und Mediziner. Die Klagen lauten auf fahrlässige Verletzung und Tötung, sowie Verletzung der Umweltschutzgesetze. Der leitende Rechtsanwalt der Gruppe, Hiroyuki Kawai, gründete letztes Jahr eine IG Rechtsanwälte für Atomausstieg, die inzwischen auf 300 Mitglieder angewachsen ist. Gemeinsam organisieren sie an fast allen AKW-Standorten Japans Klagen wegen Gefährdung der Bewohnerschaft. Kawai unterstützt auch die 42 Tepco-Aktionäre in ihrer Klage gegen 27 bisherige Kaderleute von Tepco wegen ungenügender Sicherheitsmassnahmen. Sie verlangen einen Schadenersatz von 5504,5 Mrd. Yen (ca. 64 Mrd. CHF), welchen diese Kaderleute an die geschädigte Firma Tepco persönlich überweisen sollen.
Quelle: Fukushima Genpatsu Anklagegruppe, Mainichi-Shinbun

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6. Vorbereitungen für das Stromsparen 2012
Im Sommer wird in Japan am meisten Strom verbraucht. Erstmals muss Japan diesen Sommer ohne (oder evt. mit nur zwei) AKW über die Runden kommen, Stromeffizienz ist angesagt. Der Stromkonzern Kansai-Electricity (Kepco) hat sich eine originelle Strategie einfallen lassen: Die Negawatt. Firmen mit einem Verbrauch über 500 kW können bei Engpässse im Netz für nicht gebrauchten Strom eine Vergütung erhalten. Das geht so: Kepco kündigt vorauszusehende Engpässe frühzeitig an. Die Mitglied-Firmen machen ein Angebot, wie viel Strom sie zum kritischen Zeitpunkt einzusparen bereit sind und zu welcherm Preis. Kepco wählt dann das günstigste Angebot. Die Stadt Tokyo hat sieben Grundsatzmassnahmen für das Stromsparen 2012 veröffentlicht, schickt 4000 Energiesparberater in Privathaushaltungen und arbeitet intensiv mit Firmen zusammen, damit gute Beispiele und Erfahrungen von 2011 weiter verbreitet werden. Das Potenzial ist enorm: Gewisse Firmen konnten ihren Stromverbrauch um bis zu 40% senken.
Quelle: Mainichi-Shinbun, NHK, Umweltamt Stadt Tokyo

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7. Lichtblick: KEV ab 1. Juli 2012!
Am 1. Juli tritt die neue Regelung für die kostendendeckende Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien in Kraft. Für Solarstrom sind 42 Yen (ca. 50 Rp) pro eingespeister kWh vorgesehen. Alle, also auch kleine PV-Anlagen, sind berechtigt und es gibt keinen Deckel. Dies dürfte einen gewaltigen Boom auslösen, denn viele potenzielle Produzenten warten schon lange in den Startlöchern.

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Recherchiert von Kaori Takigawa

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