Vorsicht «Climatewashing»!

Die Bedrohung durch die Erderhitzung wird von der Atomlobby benutzt, um die Akzeptanz der Atomkraft zu erhöhen. Dabei ist ein ganz anderer Ansatz nötig.

Trittbrett fahren, auf einer Welle mitsurfen – die grossen Sorgen der Bevölkerung laden dazu ein, sie zu missbrauchen. Im Umweltschutz hat sich mit «Greenwashing» ein eigener Begriff dafür etabliert: Firmen oder PolitikerInnen stellen sich umweltbewusster dar, als sie es eigentlich sind, und polieren damit ihr Image auf. Der jüngste Trend: «Climatewashing», die Sorge gegenüber dem Klimawandel für die eigene Sache nutzen.

Neue AKW sind nicht realistisch

In den letzten Monaten sind in diversen Medien Stimmen laut geworden, die Atomkraftwerke als Teillösung gegen den Klimawandel sehen – auch in der Schweiz. Keiner der Beiträge hält einer fundierten Prüfung stand. Selbst wenn wir die Sicherheitsprobleme und die ungelöste Entsorgung ausblenden, sind neue AKW vor allem eines: Unrealistisch.

Die vier AKW, die derzeit in der westlichen Welt gebaut werden, haben alle mit jahrzehntelangen Verzögerungen zu kämpfen. Firmen gingen aufgrund der Projekte Konkurs, in den USA wurde ein Neubau ganz aufgegeben. Ohne Milliarden-Garantien des französischen Staatskonzerns EDF gäbe es in Westeuropa kein einziges Projekt. Die Subventionen betragen von der Hälfte bis zu drei Viertel der Baukosten. Gegenüber den immer günstiger werdenden erneuerbaren Energieträgern sind sie nicht konkurrenzfähig. Weltweit werden Neubauten fast nur noch von Staaten angestrebt, die das Know-how aus ganz anderen Gründen suchen: Wegen den Atomwaffen.

Hierzulande müsste die Politik eine 180-Grad-Wende vollziehen, um wieder auf Atomkraft zu setzen. Die Eignerstrategie der Axpo, der grössten Schweizer AKW-Betreiberin, sieht mittelfristig den Atomausstieg vor. Alpiq und BKW haben neuen AKW längst abgeschworen. Selbst wenn morgen mit der Planung neuer AKW begonnen würde, vergingen Jahrzehnte, bis sie ans Netz gingen – sofern sie die zwingenden Volksabstimmungen überstehen. Das ist zu lang für eine wirkungsvolle Bekämpfung des Klimawandels.

Climatewashing für laufende Meiler

Doch warum neue AKW fordern, wenn sie gar nicht realistisch sind? Die Antwort lautet «Climatewashing». Es geht darum, das Image der Meiler in Beznau, Leibstadt oder Gösgen zu verbessern. Ihre relativen Vorteile beim CO2-Austoss gegenüber Kohle- und Gaskraftwerken sollen darüber hinwegtäuschen, dass der älteste AKW-Park der Welt vor allem eines produziert: Fragezeichen und Pannen am Laufmeter.

Das Climatewashing soll den Boden dafür ebnen, die Kraftwerke noch lange laufen zu lassen. Die NZZ am Sonntag legte letzten Sonntag offen, dass solche Gedanken mittlerweile auch in der Bundesverwaltung angekommen sind. 40 Jahre alt wird heuer das AKW Gösgen, gar 50 der Reaktor Beznau I. Ein stattliches Alter für Kraftwerke, die auf einen Betrieb von 30 bis 40 Jahren ausgelegt wurden. Da hilft es wenig gebetsmühlenartig zu verlautbaren, die AKW seien perfekt nachgerüstet und im besten Lebensalter. Denn das Kraftwerksdesign stammt aus den 1960er Jahren: Reservesysteme fehlen, sicherheitsrelevante Gebäude sind zu schwach ausgelegt und Anlagen mit hohem Gefährdungspotenzial wie das Brennelementbecken liegen in Beznau ausserhalb der Schutzbarrieren. Zentrale Elemente sind nicht austauschbar und wie der Druckbehälter in Beznau oder die Brennstäbe in Leibstadt fehlerbehaftet. Auch wenn die Nuklearaufsicht die Sicherheit bescheinigt: Es bleibt eine Wette auf Zeit. Was bei einem Unfall im dicht besiedelten Mittelland drohen würde, wurde erst kürzlich wieder in einer Studie dargelegt.

Das Climatewashing soll darüber hinwegtäuschen, dass auf dem Verordnungsweg innert Kürze optimale Rahmenbedingungen für Laufzeiten bis 60 oder 80 Jahre geschaffen werden: Strenge Ausserbetriebnahmekriterien, die den Betrieb in Beznau in Frage stellten, wurden abgeschafft; finanzielle Rückstellungen für ein sicheres Endlager sollen herabgesetzt werden.

Die Energiewelt von morgen ist bottom-up

In der Energiewelt von morgen sind AKW ein anachronistisches Element aus einer Zeit, in der Energie top down durch von Grossinvestoren erbaute Grosskraftwerke geliefert wurde. Doch die Herausforderung, binnen weniger Jahrzehnte von fossilen Energieträgern unabhängig zu werden, können einzelne profitorientierte Konzerne mit begrenztem Kapital nicht bewältigen. Dazu braucht es, wie die Klimastreik-Bewegung zeigt, den Beitrag von uns allen. Die Politik soll diesen Beitrag fördern und belohnen. Ein Energiesystem bestehend aus erneuerbaren Energieträgern, in der jede und jeder in eine Photovoltaik-Anlage investiert, den Austausch mit seinem Nachbarn pflegt und mit einem sorgsamen und smarten Energiekonsum bottom-up seinen Beitrag dazu leistet, könnte dem Zeitgeist nicht besser entsprechen.

 

Dieser Artikel ist am 6. Juni 2019 in der WOZ - Die Wochenzeitung erschienen.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
SES-Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

Bau und Weiterbetrieb von unwirtschaftlichen AKW in der Welt – warum bloss?

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Vorsicht «Climatewashing»!

Die Bedrohung durch die Erderhitzung wird von der Atomlobby benutzt, um die Akzeptanz der Atomkraft zu erhöhen. Dabei ist ein ganz anderer Ansatz nötig.

Trittbrett fahren, auf einer Welle mitsurfen – die grossen Sorgen der Bevölkerung laden dazu ein, sie zu missbrauchen. Im Umweltschutz hat sich mit «Greenwashing» ein eigener Begriff dafür etabliert: Firmen oder PolitikerInnen stellen sich umweltbewusster dar, als sie es eigentlich sind, und polieren damit ihr Image auf. Der jüngste Trend: «Climatewashing», die Sorge gegenüber dem Klimawandel für die eigene Sache nutzen.

Neue AKW sind nicht realistisch

In den letzten Monaten sind in diversen Medien Stimmen laut geworden, die Atomkraftwerke als Teillösung gegen den Klimawandel sehen – auch in der Schweiz. Keiner der Beiträge hält einer fundierten Prüfung stand. Selbst wenn wir die Sicherheitsprobleme und die ungelöste Entsorgung ausblenden, sind neue AKW vor allem eines: Unrealistisch.

Die vier AKW, die derzeit in der westlichen Welt gebaut werden, haben alle mit jahrzehntelangen Verzögerungen zu kämpfen. Firmen gingen aufgrund der Projekte Konkurs, in den USA wurde ein Neubau ganz aufgegeben. Ohne Milliarden-Garantien des französischen Staatskonzerns EDF gäbe es in Westeuropa kein einziges Projekt. Die Subventionen betragen von der Hälfte bis zu drei Viertel der Baukosten. Gegenüber den immer günstiger werdenden erneuerbaren Energieträgern sind sie nicht konkurrenzfähig. Weltweit werden Neubauten fast nur noch von Staaten angestrebt, die das Know-how aus ganz anderen Gründen suchen: Wegen den Atomwaffen.

Hierzulande müsste die Politik eine 180-Grad-Wende vollziehen, um wieder auf Atomkraft zu setzen. Die Eignerstrategie der Axpo, der grössten Schweizer AKW-Betreiberin, sieht mittelfristig den Atomausstieg vor. Alpiq und BKW haben neuen AKW längst abgeschworen. Selbst wenn morgen mit der Planung neuer AKW begonnen würde, vergingen Jahrzehnte, bis sie ans Netz gingen – sofern sie die zwingenden Volksabstimmungen überstehen. Das ist zu lang für eine wirkungsvolle Bekämpfung des Klimawandels.

Climatewashing für laufende Meiler

Doch warum neue AKW fordern, wenn sie gar nicht realistisch sind? Die Antwort lautet «Climatewashing». Es geht darum, das Image der Meiler in Beznau, Leibstadt oder Gösgen zu verbessern. Ihre relativen Vorteile beim CO2-Austoss gegenüber Kohle- und Gaskraftwerken sollen darüber hinwegtäuschen, dass der älteste AKW-Park der Welt vor allem eines produziert: Fragezeichen und Pannen am Laufmeter.

Das Climatewashing soll den Boden dafür ebnen, die Kraftwerke noch lange laufen zu lassen. Die NZZ am Sonntag legte letzten Sonntag offen, dass solche Gedanken mittlerweile auch in der Bundesverwaltung angekommen sind. 40 Jahre alt wird heuer das AKW Gösgen, gar 50 der Reaktor Beznau I. Ein stattliches Alter für Kraftwerke, die auf einen Betrieb von 30 bis 40 Jahren ausgelegt wurden. Da hilft es wenig gebetsmühlenartig zu verlautbaren, die AKW seien perfekt nachgerüstet und im besten Lebensalter. Denn das Kraftwerksdesign stammt aus den 1960er Jahren: Reservesysteme fehlen, sicherheitsrelevante Gebäude sind zu schwach ausgelegt und Anlagen mit hohem Gefährdungspotenzial wie das Brennelementbecken liegen in Beznau ausserhalb der Schutzbarrieren. Zentrale Elemente sind nicht austauschbar und wie der Druckbehälter in Beznau oder die Brennstäbe in Leibstadt fehlerbehaftet. Auch wenn die Nuklearaufsicht die Sicherheit bescheinigt: Es bleibt eine Wette auf Zeit. Was bei einem Unfall im dicht besiedelten Mittelland drohen würde, wurde erst kürzlich wieder in einer Studie dargelegt.

Das Climatewashing soll darüber hinwegtäuschen, dass auf dem Verordnungsweg innert Kürze optimale Rahmenbedingungen für Laufzeiten bis 60 oder 80 Jahre geschaffen werden: Strenge Ausserbetriebnahmekriterien, die den Betrieb in Beznau in Frage stellten, wurden abgeschafft; finanzielle Rückstellungen für ein sicheres Endlager sollen herabgesetzt werden.

Die Energiewelt von morgen ist bottom-up

In der Energiewelt von morgen sind AKW ein anachronistisches Element aus einer Zeit, in der Energie top down durch von Grossinvestoren erbaute Grosskraftwerke geliefert wurde. Doch die Herausforderung, binnen weniger Jahrzehnte von fossilen Energieträgern unabhängig zu werden, können einzelne profitorientierte Konzerne mit begrenztem Kapital nicht bewältigen. Dazu braucht es, wie die Klimastreik-Bewegung zeigt, den Beitrag von uns allen. Die Politik soll diesen Beitrag fördern und belohnen. Ein Energiesystem bestehend aus erneuerbaren Energieträgern, in der jede und jeder in eine Photovoltaik-Anlage investiert, den Austausch mit seinem Nachbarn pflegt und mit einem sorgsamen und smarten Energiekonsum bottom-up seinen Beitrag dazu leistet, könnte dem Zeitgeist nicht besser entsprechen.

 

Dieser Artikel ist am 6. Juni 2019 in der WOZ - Die Wochenzeitung erschienen.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
SES-Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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