Energiepolitik - Jetzt nicht zu zahm sein

Kommentar von SES-Geschäftsleiter Nils Epprecht zur Teilrevision des Energiegesetzes

Wie machen Sie das, wenn Sie am Abend ins Bett gehen und nicht im Dunkeln tappen wollen? Schalten Sie auch zuerst die Nachttischlampe an, bevor Sie das grosse Licht an der Decke löschen? Genau so muss Strompolitik dieser Tage gehen. Denn wenn wir mit dem Ausbau umweltfreundlicher erneuerbarer Energien zuwarten, bis die schmutzigen Kohle- und Atomkraftwerke im In- und Ausland abgeschaltet sind, stehen wir wortwörtlich im Dunkeln. Weil das niemand zulassen wird, laufen wir ohne neue Anlagen Gefahr, die alten Kraftwerke wie Zitronen auszupressen. Im Unterschied zur Deckenlampe treibt dies bei den Kohle- und Gaskraftwerken aber den Klimawandel an und wird bei den Atomkraftwerken gefährlich. Doch neue Anlagen aufzustellen, während die alten Kraftwerke noch laufen, bedeutet eigentlich, zu viel Strom zu produzieren. Oder um im Schlafzimmer zu bleiben: Sie brauchen zwar das Licht der Nachttischlampe nicht, solange die Deckenlampe noch brennt, doch für den späteren sicheren Weg ins Bett.

Die EU garantiert deshalb für den Bau neuer Erneuerbaren viel Investitionssicherheit. Die Schweiz hinkt hinterher. Das Manko hat nun auch der Bundesrat erkannt und revidiert das Energiegesetz. Sein Vorschlag ist gut – aber zu zahm. Das Ziel, wieviel erneuerbarer Strom dereinst produziert werden soll, ist viel zu tief. Es genügt gerade einmal, um bis 2050 den inländischen Atomstrom zu ersetzen. Die Atomkraftwerke werden aber aus Sicherheitsgründen früher vom Netz gehen. Das Ziel genügt auch nicht, um den zusätzlichen Strombedarf aufzufangen, der durch mehr Elektromobilität und Wärmepumpen beim Heizen entsteht. Wenn wir aber Benzin und Heizöl nicht ersetzen, verfehlen wir unser Klimaziel, bis spätestens Mitte des Jahrhunderts unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr auszustossen. Netto Null. Ein Ziel, das sich notabene der Bundesrat selbst verpasst hat.

Den zusätzlichen Strombedarf nur durch Importe zu decken, ist fahrlässig: Zum einen sind unsere Nachbarländer selbst gefordert, ihre Kohle- und Atomkraftwerke zu ersetzen. Zum anderen tun wir gut daran, bei einem existenziellen Gut wie Strom unseren Bedarf wenigstens annähernd selbst zu decken. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Die Elektrizitätskommission, die über die Versorgungssicherheit wacht, weist schon lange darauf hin, dass unsere Nachbarländer nicht a priori willig sind, Strom in die Schweiz zu exportieren.

Den Mutigen gehört die Welt – nicht den Zahmen. Für Netto Null brauchen wir rund doppelt so viele Erneuerbare, als im Energiegesetz angepeilt sind. Und wenn wir den Weg zu Netto Null intelligent gehen, braucht es mehr Tempo. Im Energiesektor haben wir gute Voraussetzungen: Klimafreundliche Lösungen sind da, sie sind günstig und sie haben sich bewährt. Das kann man in der Landwirtschaft, beim Luftverkehr oder der Zementproduktion leider nicht behaupten. Da brauchen wir Zeit.

Doch für höhere und schnellere Ziele bei den Erneuerbaren sind genügend Mittel und Garantien des Bundes nötig, um Investitionen von privater Seite auszulösen. Dabei sollten wir nicht auf diejenigen hereinfallen, die über «Subventionen» lamentieren. Denn im Grunde ändert sich nichts: Über Jahrzehnte verrechneten lokale Stromversorger ihren Stromkunden Kosten für neue Kraftwerke im Monopol – die BKW im Kanton Bern, das EWZ in der Stadt Zürich. Doch im liberalisierten Strommarkt der EU, dem auch der Bundesrat beitreten möchte, geht das nicht. Es sind die Kunden, die nun ihren Anbieter frei wählen und nur die Energie bezahlen, die sie gerade brauchen. In der Fachsprache «Energy only». Dafür zahlen die Stromkunden Geld für neue Anlagen in einen gemeinsamen Topf, aus dem es vom Bund an Bauwillige verteilt wird. Das ist genauso verursachergerecht wie vorher, aber günstiger, da es einen Wettbewerb gibt. Private Investitionen auslösen, das kommt auch unserer Wirtschaft in einer schwierigen Situation zugute. Jetzt ist die falsche Zeit, um zahm zu sein.

 

Dieser Kommentar ist am 20. Mai auch in der Handelszeitung erschienen.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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Energiepolitik - Jetzt nicht zu zahm sein

Kommentar von SES-Geschäftsleiter Nils Epprecht zur Teilrevision des Energiegesetzes

Wie machen Sie das, wenn Sie am Abend ins Bett gehen und nicht im Dunkeln tappen wollen? Schalten Sie auch zuerst die Nachttischlampe an, bevor Sie das grosse Licht an der Decke löschen? Genau so muss Strompolitik dieser Tage gehen. Denn wenn wir mit dem Ausbau umweltfreundlicher erneuerbarer Energien zuwarten, bis die schmutzigen Kohle- und Atomkraftwerke im In- und Ausland abgeschaltet sind, stehen wir wortwörtlich im Dunkeln. Weil das niemand zulassen wird, laufen wir ohne neue Anlagen Gefahr, die alten Kraftwerke wie Zitronen auszupressen. Im Unterschied zur Deckenlampe treibt dies bei den Kohle- und Gaskraftwerken aber den Klimawandel an und wird bei den Atomkraftwerken gefährlich. Doch neue Anlagen aufzustellen, während die alten Kraftwerke noch laufen, bedeutet eigentlich, zu viel Strom zu produzieren. Oder um im Schlafzimmer zu bleiben: Sie brauchen zwar das Licht der Nachttischlampe nicht, solange die Deckenlampe noch brennt, doch für den späteren sicheren Weg ins Bett.

Die EU garantiert deshalb für den Bau neuer Erneuerbaren viel Investitionssicherheit. Die Schweiz hinkt hinterher. Das Manko hat nun auch der Bundesrat erkannt und revidiert das Energiegesetz. Sein Vorschlag ist gut – aber zu zahm. Das Ziel, wieviel erneuerbarer Strom dereinst produziert werden soll, ist viel zu tief. Es genügt gerade einmal, um bis 2050 den inländischen Atomstrom zu ersetzen. Die Atomkraftwerke werden aber aus Sicherheitsgründen früher vom Netz gehen. Das Ziel genügt auch nicht, um den zusätzlichen Strombedarf aufzufangen, der durch mehr Elektromobilität und Wärmepumpen beim Heizen entsteht. Wenn wir aber Benzin und Heizöl nicht ersetzen, verfehlen wir unser Klimaziel, bis spätestens Mitte des Jahrhunderts unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr auszustossen. Netto Null. Ein Ziel, das sich notabene der Bundesrat selbst verpasst hat.

Den zusätzlichen Strombedarf nur durch Importe zu decken, ist fahrlässig: Zum einen sind unsere Nachbarländer selbst gefordert, ihre Kohle- und Atomkraftwerke zu ersetzen. Zum anderen tun wir gut daran, bei einem existenziellen Gut wie Strom unseren Bedarf wenigstens annähernd selbst zu decken. Das wissen wir nicht erst seit Corona. Die Elektrizitätskommission, die über die Versorgungssicherheit wacht, weist schon lange darauf hin, dass unsere Nachbarländer nicht a priori willig sind, Strom in die Schweiz zu exportieren.

Den Mutigen gehört die Welt – nicht den Zahmen. Für Netto Null brauchen wir rund doppelt so viele Erneuerbare, als im Energiegesetz angepeilt sind. Und wenn wir den Weg zu Netto Null intelligent gehen, braucht es mehr Tempo. Im Energiesektor haben wir gute Voraussetzungen: Klimafreundliche Lösungen sind da, sie sind günstig und sie haben sich bewährt. Das kann man in der Landwirtschaft, beim Luftverkehr oder der Zementproduktion leider nicht behaupten. Da brauchen wir Zeit.

Doch für höhere und schnellere Ziele bei den Erneuerbaren sind genügend Mittel und Garantien des Bundes nötig, um Investitionen von privater Seite auszulösen. Dabei sollten wir nicht auf diejenigen hereinfallen, die über «Subventionen» lamentieren. Denn im Grunde ändert sich nichts: Über Jahrzehnte verrechneten lokale Stromversorger ihren Stromkunden Kosten für neue Kraftwerke im Monopol – die BKW im Kanton Bern, das EWZ in der Stadt Zürich. Doch im liberalisierten Strommarkt der EU, dem auch der Bundesrat beitreten möchte, geht das nicht. Es sind die Kunden, die nun ihren Anbieter frei wählen und nur die Energie bezahlen, die sie gerade brauchen. In der Fachsprache «Energy only». Dafür zahlen die Stromkunden Geld für neue Anlagen in einen gemeinsamen Topf, aus dem es vom Bund an Bauwillige verteilt wird. Das ist genauso verursachergerecht wie vorher, aber günstiger, da es einen Wettbewerb gibt. Private Investitionen auslösen, das kommt auch unserer Wirtschaft in einer schwierigen Situation zugute. Jetzt ist die falsche Zeit, um zahm zu sein.

 

Dieser Kommentar ist am 20. Mai auch in der Handelszeitung erschienen.

 

Nils Epprecht

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Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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