Dinosaurier haben in der Energiepolitik nichts zu suchen

Replik von SES-Geschäftsleiter Nils Epprecht im Tages-Anzeiger vom 29. August 2020 auf einen Gastkommentar der Atomlobby.

Lukas Weber, 2017 mit der Alliance Energie die Speerspitze der SVP gegen die Energiestrategie, ist in seinem am 24. August publizierten Gastbeitrag im 20. Jahrhundert stehen geblieben. Er schreibt: Die Energiestrategie 2050 «ist nicht mehr vom Gemeinwohl geleitet. Sie beruht auf der Überzeugung, dass der Mensch eine Last für die Natur sei und dass sein Handeln zu beschränken sei. Der Mensch selbst wird als Problem angesehen.» Das sei unmenschlich.

Das ist starker Tobak. Solange rund 70 Prozen der hierzulande verbrauchten Energie die Klimakrise befeuert oder für eine Jahrmillion strahlenden Abfall mit horrenden Kosten hinterlässt, muss unser Energiekonsum als Last bezeichnet werden. Nicht nur gegenüber der Natur, sondern gerade gegenüber jüngeren Menschen und kommenden Generationen.

Lukas Weber wünscht sich die Atomenergie zurück. Doch Atomkraftwerke sind die Dinosaurier der Energieproduktion. Sie sind zu langsam und zu teuer im Bau, zu ungelenk und zu riskant im Betrieb und endlos an ihrem Ende. Neue Studien zeigen, dass die nukleare Welt marktwirtschaftlichen Grundsätzen völlig widerspricht und nur noch Autokratien Atomkraftwerke bauen (Vgl. Wealer und von Hirschhausen (2020) sowie Sorge, Kemfert, von Hirschhausen und Wealer (2020)).

Die Losung des 21. Jahrhunderts heisst «Konsistenz». Das bedeutet, natürliche Ressourcen zu nutzen, ohne sie zu zerstören. Den Puls der Zeit zeigen zwei andere, jüngst erschienene Gastkommentare auf: Energieexperte Fritz Wassmann-Takigawa will in der Schweiz endlich den sauberen Strom aus 400 Windanlagen sehen. Werner Müller von Bird Life will dafür aber keine wertvollen Artenschutzgebiete opfern. Beide haben recht.

Um den Atomstrom zu ersetzen und Netto Null im Verkehr und der Wärmeversorgung zu erreichen, brauchen wir möglichst schnell viele neue Wind- und Solaranlagen. Denn die Vergangenheit lehrt, dass CO2-Reduktionsziele, wie wir sie mit dem CO2-Gesetz gerade beschliessen wollen, zwar wichtig sind. Den wirksamsten Klimaschutz stellen aber der Ausbau der Erneuerbaren und Investitionen in die Energieeffizienz dar.

Spätestens mit dem Coronavirus sehen wir jedoch, welch gravierende Folgen es hat, wenn wir der Natur zu wenig Platz lassen. Biodiversität steigert die Resilienz des Planeten. Wir müssen die verschiedenen Umweltanliegen im Einzelfall gegeneinander abwägen – genau wie in der Energiestrategie vorgesehen.

Der «Konsistenz» noch vorausgehen müssen «Suffizienz» und «Effizienz». Das heisst, dass wir durch unser Verhalten oder mittels Technik den Energieverbrauch verringern. Diesen Hebel vernachlässigt die Energiestrategie. Das ist schade, denn hier liegen gewaltige Potenziale brach. Nutzen wir sie, müssen sich die Herren Wassmann-Takigawa und Müller weniger streiten. Und umso günstiger wird es. Denn es ist eine Binsenwahrheit, dass keine Kilowattstunde so billig ist wie die, die es nicht braucht.

Anders als von Weber behauptet, sind unsere Strompreise in den letzten 30 Jahren kaufkraftbereinigt leicht gesunken. Und dies, obwohl wir gerade unsere Energieversorgung revolutionieren. Das ist bemerkenswert und liegt daran, dass die Erneuerbaren im Betrieb unschlagbar günstig sind. Die neue Produktion müssen wir jetzt aufbauen. Wenn wir warten, bis die fossil-nuklearen Kraftwerke abgeschaltet sind, nehmen wir einen Strommangel in Kauf. Märkte sind aber nicht dafür bekannt, Anreize für Doppelspurigkeiten zu setzen. Die Elektrizitätskommission des Bundes fordert die Politik deshalb auf, der Winterversorgung mehr Sorge zu tragen und diese gezielt auszubauen und zu fördern. Nicht in der Atomkraft, wie Weber suggeriert, sondern in der Solarenergie sieht sie das grösste Potenzial. In alpinen Regionen kann sie gerade im Winter substantielle Beiträge liefern.

Es ist klar: Die Politik muss das Tempo beschleunigen. Nicht zurück, sondern vorwärts. Spätestens nächstes Jahr, wenn mit der Revision des Energiegesetzes die Weiterentwicklung der Energiestrategie ansteht. Nutzen wir, was wir haben: Sonne, Wasser, Wind – und unsere Köpfe.

 

Dieser Kommentar ist am 29. August auch im Tages-Anzeiger erschienen.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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Dinosaurier haben in der Energiepolitik nichts zu suchen

Replik von SES-Geschäftsleiter Nils Epprecht im Tages-Anzeiger vom 29. August 2020 auf einen Gastkommentar der Atomlobby.

Lukas Weber, 2017 mit der Alliance Energie die Speerspitze der SVP gegen die Energiestrategie, ist in seinem am 24. August publizierten Gastbeitrag im 20. Jahrhundert stehen geblieben. Er schreibt: Die Energiestrategie 2050 «ist nicht mehr vom Gemeinwohl geleitet. Sie beruht auf der Überzeugung, dass der Mensch eine Last für die Natur sei und dass sein Handeln zu beschränken sei. Der Mensch selbst wird als Problem angesehen.» Das sei unmenschlich.

Das ist starker Tobak. Solange rund 70 Prozen der hierzulande verbrauchten Energie die Klimakrise befeuert oder für eine Jahrmillion strahlenden Abfall mit horrenden Kosten hinterlässt, muss unser Energiekonsum als Last bezeichnet werden. Nicht nur gegenüber der Natur, sondern gerade gegenüber jüngeren Menschen und kommenden Generationen.

Lukas Weber wünscht sich die Atomenergie zurück. Doch Atomkraftwerke sind die Dinosaurier der Energieproduktion. Sie sind zu langsam und zu teuer im Bau, zu ungelenk und zu riskant im Betrieb und endlos an ihrem Ende. Neue Studien zeigen, dass die nukleare Welt marktwirtschaftlichen Grundsätzen völlig widerspricht und nur noch Autokratien Atomkraftwerke bauen (Vgl. Wealer und von Hirschhausen (2020) sowie Sorge, Kemfert, von Hirschhausen und Wealer (2020)).

Die Losung des 21. Jahrhunderts heisst «Konsistenz». Das bedeutet, natürliche Ressourcen zu nutzen, ohne sie zu zerstören. Den Puls der Zeit zeigen zwei andere, jüngst erschienene Gastkommentare auf: Energieexperte Fritz Wassmann-Takigawa will in der Schweiz endlich den sauberen Strom aus 400 Windanlagen sehen. Werner Müller von Bird Life will dafür aber keine wertvollen Artenschutzgebiete opfern. Beide haben recht.

Um den Atomstrom zu ersetzen und Netto Null im Verkehr und der Wärmeversorgung zu erreichen, brauchen wir möglichst schnell viele neue Wind- und Solaranlagen. Denn die Vergangenheit lehrt, dass CO2-Reduktionsziele, wie wir sie mit dem CO2-Gesetz gerade beschliessen wollen, zwar wichtig sind. Den wirksamsten Klimaschutz stellen aber der Ausbau der Erneuerbaren und Investitionen in die Energieeffizienz dar.

Spätestens mit dem Coronavirus sehen wir jedoch, welch gravierende Folgen es hat, wenn wir der Natur zu wenig Platz lassen. Biodiversität steigert die Resilienz des Planeten. Wir müssen die verschiedenen Umweltanliegen im Einzelfall gegeneinander abwägen – genau wie in der Energiestrategie vorgesehen.

Der «Konsistenz» noch vorausgehen müssen «Suffizienz» und «Effizienz». Das heisst, dass wir durch unser Verhalten oder mittels Technik den Energieverbrauch verringern. Diesen Hebel vernachlässigt die Energiestrategie. Das ist schade, denn hier liegen gewaltige Potenziale brach. Nutzen wir sie, müssen sich die Herren Wassmann-Takigawa und Müller weniger streiten. Und umso günstiger wird es. Denn es ist eine Binsenwahrheit, dass keine Kilowattstunde so billig ist wie die, die es nicht braucht.

Anders als von Weber behauptet, sind unsere Strompreise in den letzten 30 Jahren kaufkraftbereinigt leicht gesunken. Und dies, obwohl wir gerade unsere Energieversorgung revolutionieren. Das ist bemerkenswert und liegt daran, dass die Erneuerbaren im Betrieb unschlagbar günstig sind. Die neue Produktion müssen wir jetzt aufbauen. Wenn wir warten, bis die fossil-nuklearen Kraftwerke abgeschaltet sind, nehmen wir einen Strommangel in Kauf. Märkte sind aber nicht dafür bekannt, Anreize für Doppelspurigkeiten zu setzen. Die Elektrizitätskommission des Bundes fordert die Politik deshalb auf, der Winterversorgung mehr Sorge zu tragen und diese gezielt auszubauen und zu fördern. Nicht in der Atomkraft, wie Weber suggeriert, sondern in der Solarenergie sieht sie das grösste Potenzial. In alpinen Regionen kann sie gerade im Winter substantielle Beiträge liefern.

Es ist klar: Die Politik muss das Tempo beschleunigen. Nicht zurück, sondern vorwärts. Spätestens nächstes Jahr, wenn mit der Revision des Energiegesetzes die Weiterentwicklung der Energiestrategie ansteht. Nutzen wir, was wir haben: Sonne, Wasser, Wind – und unsere Köpfe.

 

Dieser Kommentar ist am 29. August auch im Tages-Anzeiger erschienen.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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