Suffizienz muss eine Rolle spielen

Eine wirksame Klima- und Ressourcenpolitik ist nur möglich, wenn nebst Effizienz und nachhaltigen Technologien auch die Suffizienz eine Rolle spielt. Suffizienz ist aber nicht lediglich als Anleitung für persönliches Konsumverhalten zu verstehen. Speziell auch die Wirtschaft und Politik sind gefordert.

Von Matthias Gallati und Michèle Bättig*

«Ich überlege mir immer öfter, ob ich ein neues Gerät wirklich brauche, denn eigentlich macht es mich glücklicher, wenn ich mich nicht in die Funktion eines neuen Gadgets eindenken muss», sagt Petra Walser. Die Studentin handelt suffizient, wenn sie auf den Kauf des Geräts verzichtet und damit Zeit und Geld für andere Dinge gewinnt – vorausgesetzt, dass sie beides nicht für umweltschädliche Tätigkeiten einsetzt (Rebound-Effekt). Das Beispiel zeigt, dass es bei der Suffizienz nicht um technische Lösungen geht, sondern darum, wie der Mensch handelt und was sein Handeln bewirkt.

Suffizienz ist die Frage nach dem rechten Mass

Was aber bedeutet Suffizienz genau? In den letzten Jahren haben verschiedene Forschungsinstitute den Begriff umschrieben. Wir beschränken uns hier auf eine Definition des Wuppertal-Instituts, die 2002 veröffentlicht wurde und nach wie vor Gültigkeit hat: «Suffizienz ist die Frage nach dem rechten Mass. Gemeint ist damit eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die dem Überverbrauch von Gütern und damit von Stoffen und Energie ein Ende setzt.»

Aus dieser Formulierung geht hervor, dass Suffizienz nicht nur als Anleitung für persönliches Konsumverhalten verstanden werden darf. Es braucht weniger von allem und zwar sowohl auf individueller Ebene als auch in der Wirtschaft und der Gesellschaft, denn technische Innovationen, sparsame Gebäude und effiziente Haushalte etwa werden nicht ausreichen, um den Energieverbrauch auf ein verträgliches Mass zu reduzieren und den CO2-Verbrauch auf Netto Null zu senken. Eine wirksame Klima- und Ressourcenpolitik ist nur möglich, wenn neben Effizienz und Konsistenz auch die Suffizienz eine Rolle spielt.

Während aber Effizienz und Konsistenzmassnahmen in der politischen Diskussion um Klimaschutz und Ressourcenschonung ihren Platz gefunden haben, haben Suffizienzmassnahmen einen schweren Stand. Denn sie stellen das aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftssystem infrage und zielen darauf ab, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Suffizienz ist jedoch nötig, denn die Menge der Güter wie auch das Angebot an energieintensiven Dienstleistungen sind in den letzten Jahren stetig gewachsen – seit 1998 hat sich der Welthandel mehr als verdoppelt.

Suffizientes Leben möglich machen

Auf individueller Ebene wird suffizientes Leben heute schon von vielen erprobt und gelebt. Überall in Westeuropa schiessen Tauschbörsen, Repair-Cafés und Sharingkonzepte wie Pilze aus dem Boden. Damit solchen suffizienten Massnahmen auf breiter Basis zum Durchbruch verholfen werden kann, sind entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, denn es ist häufig unbequemer, teurer oder aufwändiger, suffizient zu handeln.

Städte und Gemeinden haben hier enormen Handlungsspielraum: Sie können Suffizienz in ihren Strategien, Leitbildern und Konzepten verankern und somit die Frage nach dem rechten Mass in allen Bereichen und bei all ihren Aktivitäten mitberücksichtigen. Im Rahmen der kommunalen Siedlungsentwicklung können sie sich zum Ziel setzen, Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit vermehrt in Fuss- und Velo-Distanz zu konzentrieren und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erschliessen. Die Menschen sind dadurch gut versorgt und können ihre Bedürfnisse innerhalb kurzer Distanzen abdecken. Eine attraktive Gestaltung der öffentlichen Räume mit viel Grün und Bäumen, Wasserelementen sowie Sitz-, Spiel- und Sportmöglichkeiten, ergänzt mit Läden, Restaurants, Bars und weiteren Freizeitangeboten, erhöht die Lebens- und Aufenthaltsqualität im Quartier und kann gleichzeitig die sozialen Netzwerke stärken. Wer nicht will, muss keine langen Reisen auf sich nehmen.

Weitere Ideen für Städte und Gemeinden sind Velo- und Car-Sharing-Angebote, Co-Working-Arbeitsplätze, Bücherschränke oder Bring- und Holtage, damit nicht jeder alles selbst besitzen muss oder nicht mehr benötigte Gegenstände weitergeben kann. Um selber ein gutes Vorbild zu sein, können Gemeinden ihre Beschaffung überprüfen, fleischlose Tage in der Mensa anbieten oder flexible Arbeitszeitmodelle und Raumkonzepte einführen.

Sowohl kommunale als auch genossenschaftliche und institutionelle Bauherrschaften könnten vermehrt Wohnungen bauen, die mit kleineren Wohnflächen pro Person auskommen und damit einen grossen Treiber des Energieverbrauchs beeinflussen. Die Wohnfläche, die jedem Menschen zur Verfügung steht, hat nämlich grossen Einfluss auf die benötigte Heizenergie sowie auf die Verwendung von Einrichtungen und Apparaturen. Weitsichtige Wohnungsanbieter:innen setzen stattdessen auf attraktive Aussenraumgestaltung und gemeinschaftlich und für vielfältige Dinge nutzbare Räume. Und wer im attraktiven Waschsalon bei Kaffee und Kuchen seine Kleider wäscht und mit Nachbarn einen Schwatz hält, hat mehr vom Leben. Baut der Bauherr eine solche Waschbar und verzichtet stattdessen auf den Einbau von Waschtürmen in jeder Wohnung, spart er viel graue Energie.

Einen anderen Weg geht der grösste Wohnungsanbieter von Karlsruhe, Volkswohnung e. V.: Der Verein ermöglicht älteren Menschen mit Umzugs- und Renovationshilfen den Umzug in kleinere aber für sie besser gelegene Wohnungen. Das hat den Energieverbrach der Siedlungen positiv beeinflusst. Mit Belegungsvorschriften, wie sie Wohnbaugenossenschaften bereits heute verbreitet einsetzen, mit Pensionen anstelle von Gästezimmern in jeder Wohnung, gemeinsam nutzbaren Terrassen oder Gemeinschafts-Kühlräumen kann viel graue Energie eingespart werden.

Soziale Gewinne nutzen, über Suffizienz reden

Solche Massnahmen bringen soziale Gewinne und machen – quasi als Mitnahmeeffekt – ein suffizienteres Leben möglich. Häufig steht dabei die Suffizienz gar nicht im Zentrum, sondern die Steigerung der Lebensqualität. Diese Beispiele zeigen ein grosses Potenzial eben auch bei Massnahmen, die nicht in erster Linie auf umweltrelevantes Verhalten zielen. So könnten Veränderungen von Lebenssituationen wie etwa eine Heirat oder die Geburt des ersten Kindes dazu genutzt werden, auf suffizientere Lebensstile hinzuweisen. Denn mit der Änderung der Lebensgewohnheiten, die durch das Zusammenziehen oder durch ein neues Familienmitglied so oder so passiert, könnte vergleichsweise einfach auch auf suffizientere Ernährung oder Mobilität hingewirkt werden.

Natürlich gilt auch hier, dass das Verhalten des Einzelnen in grossem Masse durch Gewohnheiten, persönliche Beziehungen und Normen beeinflusst wird, die in bestimmten Lebensstilgruppen gelten. Um also Veränderung auszulösen, kommt dem Dialog eine zentrale Rolle zu. Menschen müssen sich mit anderen Menschen austauschen, ihre persönlichen Erfahrungen einbringen und über ihre Bedenken reden können. Der deutsche Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer bringt es auf den Punkt: «Wir sollten gezielt auf die Interessen und Sorgen von Individuen eingehen, um eine positive gesellschaftliche Entwicklung herbeizuführen.»

 

*Die Autor:innen

Matthias Gallati

Matthias Gallati

Kommunikationsberater,
Vorstand Massfabrik

mail@galkom.ch

Michèle Bättig

Michèle Bättig

Beraterin für Energie, Klima und Nachhaltigkeit,
Co-Präsidentin Massfabrik

www.massfabrik.ch

Lesen

Ich abonniere das Magazin «Energie und Umwelt» für CHF 30.-/Jahr.

Anrede