Seit dem 5. April leben wir auf Energie-Pump

Die im Inland produzierte Energiemenge reichte bis am 5. April. Seit diesem «Energie-Unabhängigkeitstag» ist die Schweiz bei der Energieversorgung für den Rest des Jahres vollständig von Importen aus dem Ausland abhängig. Mit einem JA zum CO2-Gesetz können wir jedoch unsere Energieabhängigkeit von ausländischen Lieferanten reduzieren.

Von Florian Brunner*

Die Schweizer Energie-Unabhängigkeitsquote liegt bei lediglich 25 %. Unsere Energieversorgung ist geprägt durch eine hohe Auslandabhängigkeit. Drei Viertel der Energie wird aus dem Ausland importiert, dazu gehören alle Erdölprodukte, Erdgas sowie Uran. Um unseren Energiehunger zu stillen, überweisen wir für den Import jährlich mehrere Milliarden Franken ins Ausland. Das macht uns nicht nur gefährlich abhängig, sondern ist auch enorm klimaschädigend. Sinnbildlich für die hohe Auslandabhängigkeit bei der Energieversorgung steht der sogenannte «Energie-Unabhängigkeitstag». Die Berechnung dieses Tages gibt an, bis zu welchem Tag im Jahr die Schweiz vom Ausland unabhängig ist, d.h. die im Inland produzierte Energie aufgebraucht ist. Von da an sind wir voll und ganz von Energieimporten aus dem Ausland abhängig.

Unsere Energieabhängigkeit lässt sich reduzieren Die inländische Gewinnung von Primärenergieträgern hat jedoch seit den 1980er-Jahren zugenommen.1 Das resultiert in mehr Energie-Unabhängigkeit und macht die Schweizer Wirtschaft weniger verletzbar, insbesondere während internationaler Krisen. Doch dem Ziel, unsere Unabhängigkeit vom Ausland markant zu steigern, kommen wir nur sehr langsam näher. Zwischen 1980 und 2006 lag die Energie-Unabhängigkeit der Schweiz bei ungefähr 20 %, 2019 lag dieser Wert erst wenig höher bei 25 %.

Auch im europäischen Vergleich ist die Schweizer Energie-Unabhängigkeitsquote relativ tief. Die Schweiz rangiert im Vergleich zu anderen europäischen Ländern im hinteren Teil. Die Energie-Unabhängigkeitsquote ist in Estland und Island mit deutlich über 80 % mit Abstand am höchsten. Auch Schweden, Rumänien, das Vereinigte Königreich, Serbien und Dänemark haben mit über 60 % eine relativ hohe Unabhängigkeitsquote. Die Schweiz erreicht mit 25,4 % eine eher tiefe Quote, während sie in Zypern (7,2 %) Luxemburg (4,9 %) und Malta (2,8 %) mit Abstand am niedrigsten ist (siehe Grafik weiter unten).2

Der Länderverleich zeigt, dass in der Schweiz noch viel Potenzial vorhanden ist, den Energie-Unabhängigkeitstag im Jahreskalender weiter nach hinten zu verschieben. Schweden fällt mit einer hohen Energie-Unabhängigkeitsquote von nahezu 70 % speziell auf. Ein Grund dafür ist, dass die schwedische Regierung im Jahr 2005 eine Kommission ernannte, die beauftragt wurde, ein umfassendes Programm zur Verringerung der Abhängigkeit Schwedens von Erdöl und Erdgas zu erarbeiten. Im damals von der Kommission veröffentlichten Bericht mit dem Titel «Making Sweden an Oil-Free Society»5 werden unter anderem folgende Gründe genannt, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren:

  1. Öl spielt noch immer eine relevante Rolle für Frieden und Sicherheit in der Welt.
  2. Es gibt ein grosses Potenzial, die eigenen, erneuerbaren Energieressourcen anstelle von Öl zu nutzen.
  3. Vor allem aber bedroht die extensive Verbrennung fossiler Energien die Lebensbedingungen künftiger Generationen.

Solarenergie und Wärmepumpen machen uns unabhängiger...

Die Energiestrategie 2050 und das Netto-Null-Klimaziel des Bundesrats sorgen nun auch in der Schweiz für mehr Bewegung. Damit verbunden ist eine zunehmende Elektrifizierung, das heisst der Anteil der fossilen Brenn- und Treibstoffe wird in Zukunft abnehmen, der Stromanteil wird zunehmen. Das ist für die Schweiz eine gute Nachricht. Denn wir haben im Strombereich mehr Möglichkeiten zur umweltfreundlicheren Eigenproduktion als bei den fossilen Energieträgern. Der Anteil von in der Schweiz produzierten erneuerbaren Energien muss deshalb markant gesteigert werden. Das Solarenergie-Potenzial in der Schweiz ist vorhanden und riesig.

Die Energiewende birgt also die grossartige Chance, die Auslandabhängigkeit durch einheimisch produzierte erneuerbare Energien dauerhaft zu verringern und den Energie-Unabhängigkeitstag künftig weiter nach hinten zu verschieben. Das lässt sich an einem «einfachen» Beispiel verdeutlichen: Die Schweiz ist das europäische Land mit dem höchsten Anteil am Heizöl-Verbrauch im Gebäudesektor. Würden im Bereich Heizung alle Brennstoffe auf Erdölbasis durch umweltfreundlichere Systeme wie Wärmepumpen oder Solarzellen ersetzt werden, die mit inländisch produzierten (erneuerbaren) Energieträgern betrieben werden, dann würde sich der Energie-Unabhängigkeitstag um einen guten Monat (34 Tage) nach hinten verschieben, auf den 9. Mai 2021.

...und ein JA zum neuen CO2-Gesetz!

Das revidierte CO2-Gesetz, über das wir am 13. Juni 2021 abstimmen, umfasst alle Energieverbrauchssektoren gleichermassen (Gebäude, Industrie, Mobilität, Finanzplatz). Wer künftig wenig fossile Energie aus dem Ausland verbraucht, profitiert als Privatperson, Familie oder Firma. Das ist sozialverträglich und fair, schafft neue Arbeitsplätze und die Schweiz wird insgesamt unabhängiger von Erdöl-, Gas- und Kohleimporten. Mit einem JA zum CO2-Gesetz kann die Schweiz eine schrittweise Abkehr von Öl und Gas einleiten. Das mindert Emissionen in einem erheblichen Ausmass und ermöglicht es uns, unsere Energie-Unabhängigkeit zu erhöhen.

» zur SES-Kurzstudie

 

Verweise

  1. siehe «Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2019» unter www.bfe.admin.ch
  2. siehe «Energy imports dependency» unter www.ec.europa.eu
  3. siehe Jahresberichte der Erdölvereinigung unter www.avenergy.ch
  4. siehe z.B. «Woher bekommt Deutschland sein Öl?» unter www.faz.net
  5. Commission on Oil Independence (2006): «Making Sweden an Oil-free Society».

 

*Der Autor

Florian Brunner

Florian Brunner
Leiter Fachbereich Klima

Tel. 044 275 21 24
Mail: florian.brunner@energiestiftung.ch
Twitter: @flo_brunn

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