Die Schweizer Bevölkerung drängt auf die Energiewende

Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zeigt: Die Energiewende wird nicht nur akzeptiert, sondern gewünscht. Eine überwältigende Mehrheit von 96 % will eine erneuerbare Stromversorgung und zwar in den nächsten 15 bis 18 Jahren. Die Wende darf zudem etwas kosten.

Von Felix Nipkow*

Diesen Sommer wird der Bundesrat dem Parlament seine Vorschläge zur Revision des Energie- sowie Stromversorgungsgesetzes unterbreiten. Im Mantelerlass mit dem Titel «Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» wird insbesondere definiert, welche Ziele sich die Schweiz für den Ausbau erneuerbarer Energien setzt. Aktuell gibt das Energiegesetz  ein Ziel von 11,4 Terawattstunden (TWh) bis 2035 vor. Zum Vergleich: Die Wasserkraft hat 2019 36 TWh produziert, die Atomkraftwerke 25 TWh, 6 TWh stammten aus übrigen Quellen, gut 2 TWh davon Solarstrom. Der Endverbrauch lag bei 57 TWh.

Zu wenig ambitionierte Pläne des Bundesrats

Der Bundesrat will dieses Ziel nun zwar leicht erhöhen auf 17 TWh bis 2035. Bis 2050 sollen 39 TWh aus neuen erneuerbaren Energien stammen, was zusammen mit der Wasserkraft einer Gesamtproduktion von 78 TWh entspricht. Diese Zunahme ist der Elektrifizierung geschuldet: dem Umstieg auf Elektroautos und elektrische Wärmepumpen als Ersatz für die mit fossilen Energien angetriebenen Fahrzeuge und Heizungen.

Für die SES sind die Ziele und der Fahrplan des Bundesrats aber klar zu wenig ambitioniert. Die Schweiz verpasst so ihre Klimaziele und verschleppt den Umbau des Energiesystems unnötig. Denn die Technologien sind heute bereits vorhanden: Insbesondere die Photovoltaik verfügt auch in der Schweiz über ein riesiges Potenzial und ist inzwischen erst noch die mit Abstand günstigste Art der Stromproduktion.

Ja, wir wollen

Um unsere Einschätzung mit der Stimmung in der Bevölkerung abzugleichen, haben wir gfs-zürich beauftragt, eine repräsentative Meinungsumfrage durchzuführen (siehe Info-Box). Die Ergebnisse haben uns selbst positiv überrascht.

96 % (!) der Befragten befürworten das Ziel, den Strombedarf zukünftig mit erneuerbaren Energien zu decken [ Diagramm 1 ]. 89,5 % sind der Meinung, die erneuerbaren Energien sollen im Inland produziert werden [ Diagramm 2 ]. Und 93 % sind der Meinung, der Strom soll unter Berücksichtigung des Naturschutzes produziert werden [ Diagramm 4 ].

Ja, wir wollen es rasch

Die Befürworter der Energiewende drängen zudem auf eine rasche Umsetzung. Auf die Frage, bis in wie vielen Jahren der Strombedarf in der Schweiz möglichst mit Strom aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden soll, antworteten die Befragten im Mittel (Median) mit 15 Jahren [ Diagramm 3 ].

Ja, wir sind bereit zu investieren

Die Mehrheit der Befragten ist der Ansicht, dass eine nachhaltige Energieversorgung auch etwas kosten darf. Heute bezahlt ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt über den Netzzuschlag 40 Franken pro Jahr für den Ausbau erneuerbarer Energien. 78 % wären bereit, mehr zu bezahlen, um den Ausbau einheimischer erneuerbarer Energien voranzubringen [ Diagramm 5 ]. In Bezug auf die Einkommensklasse hat die Befragung keine signifikanten Unterschiede zu Tage gefördert. Das heisst, quer durch alle sozialen Schichten ist die Bereitschaft vorhanden, die Energiewende auch finanziell zu stützen. Insgesamt sind die Befragten im Median bereit, jährlich 95 Franken mehr zu bezahlen [ Diagramm 6 ].

Klares Signal an die Politik

Es scheint also falsch, bloss von «Akzeptanz» zu sprechen: Die Bevölkerung wünscht sich die Energiewende – und zwar rasch. Die Schweiz soll sich eine einheimische, erneuerbare Stromversorgung zum Ziel setzen, die gleichzeitig den Naturschutz berücksichtigt. Umgesetzt werden soll diese Vision nicht erst bis Mitte des Jahrhunderts, sondern bereits in 15 bis 18 Jahren. Es besteht speziell auch eine grosse Bereitschaft, die nötigen Investitionen zu finanzieren.

Die Politikerinnen und Politiker sollten dieses Signal ernst nehmen und den wenig ambitionierten Vorschlag des Bundesrats zu einer echten Energiewende-Vorlage aufpeppen. Die SES hat entsprechende Vorschläge gemacht, zum Beispiel in ihrer Vernehmlassungsantwort zur Revision des Energiegesetzes.

Zur Umfrage

Im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung SES hat das Markt- und Sozialforschungsinstitut gfs-zürich im November 2020 eine repräsentative Bevölkerungsumfrage (CATI Omnibus) zur Akzeptanz der Energiewende in der Schweiz durchgeführt. Befragt wurden über 1000 Personen. Die Fragen und detaillierten Ergebnisse zur Umfrage «Akzeptanz der Energiewende in der Schweiz» von gfs-zürich finden Sie hier.

 

*Der Autor

Felix Nipkow

Felix Nipkow
Leiter Fachbereich erneuerbare Energien

Tel. 044 275 21 28
Mail: felix.nipkow@energiestiftung.ch
Twitter: @FelixNipkow

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