Der Atommüllhaufen der Geschichte

Zwei neue Bücher zeigen eindrucksvoll, wie die Schweiz in die Atomkraft eingestiegen ist und mit welchen Risiken sie bis heute kämpft. Obwohl in der Ausrichtung unterschiedlich, haben die Bücher einige Überschneidungen und ergänzen sich besonders beim Thema Atommüll hervorragend.

Von Simon Banholzer*

Die kürzlich erschienenen Bücher «Wohin mit dem Atommüll» von Marcos Buser und «Atomfieber» von Michael Fischer zeichnen beide die Geschichte der schweizerischen Atompolitik nach. Während Fischers Hauptanliegen die Erinnerung an Katastrophen, Probleme und Gefahren der nuklearen Energie ist, will Buser erklären, wieso bis heute keine adäquate Lösung für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle gefunden wurde, obwohl die AKW-Betreiber bereits früh ein bis zum Millennium gebautes Endlager versprachen.

Michael Fischers Stärke ist seine Vollständigkeit – er hat alle Aspekte zum Thema akribisch aufgearbeitet und historisch verortet. Auffallend ist, dass er besonderen Wert auf die Leistungen der Anti-Atom-Bewegung legt und sie als eine zentrale Akteurin in der Geschichte der Atompolitik begreift.

Marcos Buser besticht als Geologe im technischen Bereich. Als ehemaliges EKRA- und KNS-Mitglied war er Teil der wichtigsten technischen Kommissionen des Bundes. 2012 trat er unter Protest gegen den Filz in der Atompolitik aus der KNS zurück. Mit seinem Buch, das er «Tatsachenbericht» nennt, gibt er seine Sicht der Dinge wieder und begründet seine Empörung.

Der Filz zwischen Atomindustrie und Staat

Um die heutigen Probleme zu begreifen, ist es wichtig, die Anfänge der Atompolitik zu verstehen. Darin sind sich die Autoren einig. So beginnen beide beim Schweizer Atombombenprogramm und dem Streben nach einem eigenen Druckwasserreaktor. Die Kernschmelze im Versuchsreaktor in Lucens (vgl. Michael Fischer im E&U Nr. 4/2018) und die US-Offensive zum Verkauf von Siedewasserreaktoren machten sowohl dem Reaktor als auch der Bombe «made in Switzerland» den Garaus. Doch die Verflechtungen zwischen Staat, Wissenschaft und Industrie blieben bestehen und sind gemäss Michael Fischer und Marcos Buser bis heute problematisch.

Anti-AKW-Bewegung fordert Mitbestimmung

Lange Zeit wurde die Frage der Entsorgung von den AKW-Betreibern und den Behörden verharmlost oder ignoriert, erklärt Michael Fischer. Marcos Buser präzisiert, dass die Atomindustrie kein aufrichtiges Interesse an einer sicheren Lösung hat und kritische Wissenschaftler schon früh diskreditiert wurden. Trotzdem mussten die AKW-Betreiber 1972 die Nagra gründen, mit dem Ziel, Endlager für Atommüll zu bauen – bislang ohne Erfolg

Für Fischer liegt das auch am Widerstand der Bevölkerung, der in den 70er-Jahren rund um das AKW Kaiseraugst entstanden ist. Der Historiker erklärt, dass sich die Bewegung am Anfang überraschenderweise gar nicht wegen der radioaktiven Gefahr, sondern wegen dem Gewässerschutz und insbesondere der demokratischen Mitbestimmung formierte. Kaiseraugst ist für ihn der «Kristallisationspunkt» der damaligen Anti-AKW-Bewegung. Der entstandene Druck manifestierte sich in der Volksinitiative «zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen ». Man rang der Politik 1978 eine entscheidende Revision des Atomgesetzes ab: Neue AKW werden nur bewilligt, wenn die Betreiber die Entsorgung der radioaktiven Abfälle und die Stilllegung der Kraftwerke gewährleisten können (Projekt «Gewähr»).

Vom sorglosen Umgang mit Atommüll

Michael Fischers Stärke ist sein stetiger Blick ins Ausland. Er beschreibt, wie der Bund und die AKW-Betreiber lange Zeit glaubten, die Lösung für die Entsorgung des Atommülls dank geringerem Widerstand im Ausland zu finden. Bis 1982 entsorgte man bedenkenlos im Atlantik. Später lieferten die AKW-Betreiber die Brennstäbe nach Frankreich in die Wiederaufbereitung, wo sie auch bleiben sollten – erfolglos.

Wollte die Atomwirtschaft Bewilligungen für bestehende und neue AKW erhalten, musste – gemäss revidiertem Atomgesetz – ein einheimisches Tiefenlager her. Ab Ende 1978 startete hierfür das Projekt «Gewähr». Für Marcos Buser war schon damals klar, dass der Zeitplan derart knapp war, dass die Nagra scheitern musste. Das Projekt sei nur «ein Werkzeug zur Erreichung wirtschaftspolitischer Ziele» gewesen. In der Tat beliess der Bundesrat die Betriebsbewilligungen der bestehenden AKW trotzdem in Kraft, obwohl der Entsorgungsnachweis («Gewähr») spektakulär scheiterte.

Nagra vs. Nidwalden – der Fall Wellenberg

Michael Fischer beschreibt, wie die Nagra mit der Unterstützung des Bundesrats versuchte, in den 80er-/90er-Jahren im Wellenberg ein Endlager für die schwachund mittelaktiven Abfälle zu bauen. Gegen den Willen der Nidwaldner Bevölkerung. Selbst nach zwei negativen Volksentscheiden wurde der Wellenberg nicht aufgegeben. Kurzerhand wandelten Bundesrat und Parlament im Atomgesetz das kantonale Veto in ein fakultatives Referendum für die gesamte Schweizer Bevölkerung um: eine viel geringere Hürde! Trotz heftigem Widerstand aus Nidwalden blieb der Wellenberg bis 2015 für die Nagra eine Option. Diese konfrontative Politik hat für Buser ihren Preis: Das Vertrauen der Bevölkerung in die Atomindustrie litt dermassen, dass der Bundesrat einspringen musste.

Partizipative Suche nach dem Endlager

Mit dem neuen Kernenergiegesetz von 2003 wurde ein Sachplan angelegt, der unter Einbezug der Öffentlichkeit drei Etappen zur Festlegung des Tiefenlager-Standorts vorsah. Unter der Leitung des Bundes sollte die Nagra nach einem Standort suchen. Eine Aufteilung, die Buser scharf kritisiert, denn die Nagra würde den Sachplan gegenüber den überforderten Bundesbehörden dominieren. Für das ehemalige KNS-Mitglied ist seit der Publikation einer internen Aktennotiz der Nagra 2012 klar: «Der Standortentscheid ist längst gefällt. Und das wissen alle in den Prozess involvierten Stellen, so sehr sie dies öffentlich auch verneinen. Das Zürcher Weinland ist definitiv gesetzt – zumindest geologisch.»

Fazit

Beide Bücher sind sehr lesenswert und zu empfehlen. Marcos Busers Werk spiegelt viele Emotionen, die das jahrelange Gezerre um die Endlagersuche begleiten. Leidenschaft und Leidensgeschichte des Autors kommen gut herüber. Es erzählt von seinen wissenschaftlichen Vorbildern, prägenden Ereignissen und seinen Hoffnungen. Michael Fischers Buch hingegen wirkt im Vergleich neutral und sachlich. Als Historiker orientiert er sich an den Fakten. Seine Chronologie zur Atompolitik der Schweiz lässt kein Detail aus und ist in dieser umfassenden Art bislang einzigartig.

*Der Autor

Simon Banholzer

Simon Banholzer
Projektleiter Strom & Atom

Tel. 044 275 21 22
Mail: simon.banholzer@energiestiftung.ch
Twitter: @Simon_Banholzer

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