Heizungsersatz – Wie sieht es in der Praxis aus?

Die Stadt Zürich könnte den gesamten Wärmebedarf mit erneuerbaren Energien decken. In der Praxis entscheiden sich beim Heizungsersatz jedoch 80 % für ein fossiles System. Wie lässt sich die Kluft zwischen 2000-Watt-Ziel und der Realität schliessen? Eine Ist-Analyse der Energiebeauftragten der Stadt Zürich.

Von Silvia Banfi Frost
Energiebeauftragte der Stadt Zürich

Seit zehn Jahren verfolgt die Stadt Zürich die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. Mit einem Anteil von rund 50 % ist die Wärmeversorgung von Gebäuden die bedeutendste Verursacherin der städtischen Treibhausgas-Emissionen1. Damit die Stadt ihre 2000-Watt-Ziele erreichen kann, braucht es eine Reduktion des fossilen Anteils im Gebäudebereich um den Faktor 5. Doch wie sehen Praxis und die Ist-Situation aus?

Die «Roadmap 2000-Watt-Gesellschaft»

Der Bericht «Roadmap 2000-Watt-Gesellschaft»2 zeigt auf, welche Massnahmen auf städtischer Ebene im Gebäudebereich bereits umgesetzt und welche geplant oder weiterführender Natur sind. Nachfolgend stehen die Wärmeversorgung und der Heizungsersatz im Vordergrund. Die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft lassen sich allerdings nur erreichen, wenn die Stadt auch in den Bereichen Mobilität, Konsum, Energieversorgung und Siedlungsstruktur entsprechend wirksame Massnahmen ergreift.

Heizungsersatz wiederum zu 80 % fossil

Eine Studie von Energieforschung Stadt Zürich (EFZ)3 hat die Entscheidungssituation beim Ersatz von fossilen Heizungen in der Stadt Zürich analysiert (siehe Grafik «Heizungsersatz 2012 – 2016»): Diese zeigt, dass über 80 % der Befragten wieder ein fossiles System wählten. Der häufigste Heizungswechsel fand von Öl zu Erdgas statt, nur 12 % zu einem erneuerbaren Heizsystem. Höhere Wechselraten auf erneuerbare Energien sind in den Gebieten mit Fernwärmenetz zu beobachten.

Weshalb ist der Umstieg die Ausnahme?

Einerseits hängt dies von Standortfaktoren ab: Eine Aussenluft-Wasser-Wärmepumpe kann z.B. in dicht bebauten Gebieten zu Lärmschutzproblemen führen. Allerdings sind es oft andere Einflussfaktoren, die zum Entscheid für ein fossiles Heizsystem führen: Die grösste Bedeutung haben die Investitionskosten, die erwarteten Unterhalts- und Betriebskosten sowie die als ungünstig eingestuften Voraussetzungen des Gebäudes für ein System mit erneuerbarer Energie (z. B. zu enge Platzverhältnisse, zu hoher Heizwärmebedarf).

58 % der Befragten, die sich wieder für ein fossiles Heizsystem entschieden haben, haben allerdings nicht gewusst, ob der Bau einer Erdsonde möglich gewesen wäre. Rund 33 % war nicht bekannt, ob ein Fernwärmeanschluss in Frage gekommen wäre. Zudem lassen sich private Hauseigentümerschaften meistens durch Heizungsinstallateure beraten, die keine Prüfung von alternativen Heizsystemen vornehmen.4 Hier liegt noch viel Potenzial brach.

10'000 GWh erneuerbare Wärmeenergie

Das Potenzial an lokaler Abwärme und Erneuerbaren ist in der Energieplanung der Stadt Zürich analysiert worden.5 Berücksichtigt wurden einerseits Energiequellen, die auf dem gesamten Stadtgebiet nutzbar sind (Sonnenenergie und Aussenluft), andererseits standortgebundene Erneuerbare (Abwärme Kehrichtheizkraftwerk und Klärwerk, Seewasser), deren Nutzung ein Leitungsnetz erfordert. Ferner sind Potenziale wie z. B. Erdwärme und biogene Brennstoffe miteinbezogen worden. Die Analyse ergibt ein Potenzial an erneuerbaren Energien zur Wärmeversorgung von über 10'000 GWh/a, bei einem geschätzten langfristigen Bedarf zwischen 2900 – 3300 GWh/a.

Minus 77 % Treibhausgase

Wird in der Stadt Zürich das Effizienzszenario «Energieversorgung 2050»5 konsequent verfolgt, lässt sich bis ins Jahr 2050 eine Reduktion der spezifischen Treibhausgas-Emissionen pro Person im Gebäudebereich von rund 77 % gegenüber 2015 erzielen. Dieses grosse Reduktionspotenzial lässt sich nur ausschöpfen, wenn zusätzlich zum Ersatz fossiler Heizsysteme durch Erneuerbare auch eine Verbesserung der Energieeffizienz und eine generelle Reduktion des Wärmebedarfs realisiert werden.

Es gibt (noch) viel zu tun

Nicht nur auf kommunaler, sondern vor allem auf kantonaler und Bundesebene gilt es die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass beim Heizungsersatz der Umstieg auf erneuerbare Energien stattfindet und das grosse Potenzial an erneuerbarer Wärmeenergie besser und rasch ausgeschöpft wird. Auf kommunaler Ebene müssten insbesondere die Hauseigentümer frühzeitig über mögliche Alternativen zu ihren fossil betriebenen Heizungssystemen informiert werden.

Auf Bundesebene braucht es dringend eine Erhöhung der CO2-Abgabe, auf Kantonsebene die Übernahme der Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn 2014) oder eine Vorschrift zur Prüfung von alternativen Heizsystemen. Die Praxis zeigt: Es braucht wirksame Massnahmen, damit beim Heizungsersatz der Umstieg auf Erneuerbare gelingt.

 

*Die Autorin

Silvia Banfi Frost ist Energiebeauftragte der Stadt Zürich. In ihren Aufgabenbereich fallen die Themen Energiepolitik sowie die Strategie Zukunft Energieversorgung (Strom, Wärme).

Lesen

Ich abonniere das Magazin «Energie und Umwelt» für CHF 30.-/Jahr.

Anrede