Die Politik versagt beim Flugverkehr

Wir Schweizer sind VielfliegerInnen. Besonders viel fliegen gut ausgebildete Leute, die sich über die Auswirkungen ihres Tuns sehr wohl bewusst sind. Die Politik versagt beim Flugverkehr, die Branche wird geschont. Es braucht endlich wirksame regulatorische Massnahmen.

Von Felix Nipkow

Abbildung 1, Umfrage gfs-zürich 2017

Über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer sind in den letzten zwei Jahren einmal oder mehrmals geflogen. Besonders Leute mit hoher Bildung und hohen Einkommen tendieren zum Vielfliegen (Abbildung 1) – und zwar nicht etwa aus beruflichen Gründen, sondern privat.

Wissen ist nicht handlungsanweisend

Abbildung 2, Umfrage gfs-zürich 2017

Nur knapp ein Viertel hat in den letzten zwei Jahren aus ökologischen Gründen auf eine Flugreise verzichtet. Und das, obwohl eine klare Mehrheit der Aussage zustimmt, dass der Flugverkehr das Klima aufheizt (Abbildung 2) und die meisten angeben, im Alltag auf klimafreundliches Handeln zu achten (Abbildung 3). Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung des Forschungsinstituts gfs-zürich im Auftrag der SES zeigt, dass zwischen Problembewusstsein und Umsetzung eine Lücke besteht. Das Wissen um die Klimaschädlichkeit reicht nicht aus, um das individuelle Verhalten zu ändern. Nur wenige steigen der Umwelt zuliebe auf klimafreundlichere Verkehrsmittel um oder steuern ein näheres Reiseziel an.

Mehrfach schädliche Emissionen

Abbildung 3, Umfrage gfs-zürich 2017

24'850 Kilometer – mehr als eine halbe Erdumrundung – legte die Schweizer Wohnbevölkerung 2015 pro Person zurück. Mehr als ein Drittel davon, 9000 km, wurden geflogen, fast 90 % davon zu privaten Zwecken, Tendenz zunehmend.1 Über den Wolken ist die Freiheit wohl grenzenlos. Doch Emissionen zählen dort gleich mehrfach. Die Abgase wirken in dieser Höhe viel stärker auf das Klima als am Boden, zudem verursachen Flugzeuge nicht nur CO2, sondern auch andere Treibhausgase wie Stickoxide, Russ und Wasserdampf.

Wie viel stärker, ist nicht eindeutig. Aerosuisse, der Dachverband der Schweizerischen Luft- und Raumfahrt, geht von einem Radiative Forcing Index (RFI) von 1,35 aus. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) geht von einem höheren Faktor aus, wobei die Auswirkungen der Bildung von Zirruswolken (Kondensstreifen) relativ unsicher ist, aber einen grossen Einfluss hat. Das deutsche Umweltbundesamt berücksichtigt diesen Effekt und nimmt einen RFI von 3 bis 5 an. Viele Umweltverbände wie der WWF Schweiz, aber auch die bekannte «Klimakompensationsorganisation» myclimate, rechnen mit einem Faktor 2. Fliegen ist in jedem Fall das klimaschädlichste Massenverkehrsmittel, weltweit trägt es mindestens 5% zur globalen Erwärmung bei. In der Schweiz sind es sogar rund 20%.

Im Gegensatz zu anderen Bereichen wie Heizen oder Strassenverkehr, wo der CO2- Ausstoss abnimmt, geht die Kurve beim Fliegen nur in eine Richtung: hinauf. Das Wachstum übersteigt die Effizienzgewinne bei weitem. Obwohl der Verbrauch der Flugzeuge laufend gesenkt werden kann, wird die Klimabilanz der Zivilluftfahrt jedes Jahr schlechter. Ganz einfach, weil immer mehr Flugzeuge unterwegs sind und ihre Linien an den Himmel malen.

Befreit von Steuern und Abgaben

Die Klimapolitik versagt beim Flugverkehr

Das müsste die Politik auf den Plan rufen, könnte man meinen. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Die Flugbranche wird verschont und gefördert, wo es nur geht. Für ein Zugbillet ist die Mehrwertsteuer fällig – auf Flugtickets wird diese nicht erhoben. Auch von der CO2-Abgabe und der Mineralölsteuer, die auf Heizöl und Treibstoffen erhoben wird, ist Flugkerosin befreit.

Man setzt stattdessen auf freiwillige Massnahmen der Branche, was keine gute Idee ist, wie das Beispiel CORSIA zeigt. Im Oktober 2016 hat die UNO-Luftfahrtbehörde ICAO das «Carbon offsetting and Reduction Scheme for International Aviation» beschlossen – ein Etikettenschwindel. Emissionen müssen nicht reduziert, sondern lediglich teilweise kompensiert werden. Konkret betroffen ist nur der Emissionszuwachs ab 2020, also nur ein Bruchteil dessen, was ausgestossen wird. Und das nur auf freiwilliger Basis. Verbindlich wird CORSIA erst ab 2027 und auch dann soll es noch Ausnahmen geben.2 Das ist klar ungenügend.

Das Ende der Freiwilligkeit ist erwünscht und dringend nötig

Im Flugverkehr fehlt es noch weitgehend an politischer Regulierung. Dabei fehlt es nicht an guten Ideen. Eine davon ist die Ticketabgabe: Flugtickets werden mit einer Abgabe belastet, die abhängig von der Länge der Flugstrecke ist. Verschiedene europäische Länder, zum Beispiel Deutschland oder Grossbritannien, kennen dieses Anreizsystem schon seit vielen Jahren. Eine solche Abgabe stösst in der Bevölkerung sogar auf grosse Zustimmung. In der Studie «Univox Umwelt 2016» von gfs-zürich haben sich fast drei Viertel der Befragten einer solchen Massnahme gegenüber positiv geäussert.

Nur mit freiwilligen Massnahmen werden die Emissionen im Flugverkehr weiter zunehmen statt sinken. Ohne einen massiven regulatorischen Eingriff, am einfachsten über den Preis, lassen sich Herr und Frau Schweizer nicht davon abbringen, ihre Feriendestinationen per Flugzeug zu erreichen. Natürlich ist Aufklärung über die Ursachen und Folgen des Klimawandels weiterhin wichtig. So kann die hohe Zustimmung der Bevölkerung zu entsprechenden Massnahmen gehalten werden. Doch das Wissen um den Klimawandel hält nur die wenigsten ab, weiterhin viel zu viel zu fliegen.

 

Quellen

  1. Mikrozensus Mobilität und Verkehr 2015, BFS
  2. FLAB, eine Publikation des Schweizerischen Schutzverband gegen Flugemissionen SSF, Frühjahr 2017

 

Der Autor

Felix Nipkow

Felix Nipkow
Projektleiter Strom & Erneuerbare

Tel. 044 275 21 28
Mail: felix.nipkow@energiestiftung.ch
Twitter: @FelixNipkow

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