Lebensmittel tanken? Der Irrweg der Agrotreibstoffe
- Biotreibstoff ist ein irreführender Ausdruck, denn seine Erzeugung ist ökologisch und sozial höchst problematisch.
- Zu den Nachteilen gehören: Negative Ökobilanz, Gefährdung der Lebensmittelsicherheit in Produktionsländern, Bedrohung der Menschenrechte.
- Es gibt nicht genügend Flächen, um Erdöl durch Agrotreibstoffe zu ersetzen.
Mit Zucker, Mais und Soja Auto fahren? Als eine wirtschaftlich viel versprechende Alternative erfahren so genannte «Biotreibstoffe» derzeit einen Boom. Die Bezeichnung «Bio» ist jedoch irreführend. Denn die Treibstofferzeugung durch die Verarbeitung nachwachsenden Rohstoffe ist alles andere als biologisch. Vielfach ist sie ökologisch und sozial höchst problematisch. Deshalb setzt sich mehr und mehr der Begriff «Agrotreibstoffe» durch. In Brasilien, den USA, der EU und weiten Teilen Asiens werden zur Zeit Milliardenbeträge in den Anbau und die Verarbeitung von Palmöl, Mais, Soja, Raps, Zuckerrohr oder Weizen investiert, um Ethanol und Pflanzendiesel für Autos herzustellen. Mit Importgarantien und Zollbefreiungen locken die USA und die EU vorwiegend Länder aus dem Süden, ebenfalls ins Agro-Business einzusteigen.
Agrotreibstoffe haben zahlreiche ökologische und soziale Nachteile:
- Die Ökobilanz von Agrotreibstoffen ist in den meisten Fällen negativ und häufig nicht CO2-neutral: Sie können daher höchstens einen sehr kleinen Beitrag zur Lösung des Klimaproblems leisten. Gleichzeitig führt der grossflächige Anbau in Monokulturen zu Regenwaldrodungen und anderen ökologischen Problemen. Dies belegen zahlreiche neuere Studien (u.a. der OECD, IEA, Bank Sarasin, EMPA).
- Agrotreibstoffe gefährden die globale Lebensmittelsicherheit: Wegen höheren Renditen werden Nahrungsmittel wie Mais oder Zuckerrohr zusehends zu Benzin verarbeitet. Dies führt zu steigenden Preisen auf dem Nahrungsmittelmarkt und zu Nahrungsmittelknappheit. Der Spritdurst der reichen Staaten konkurrenziert damit das Recht auf ausreichende und gesunde Ernährung in den Produktionsländern.
- Agrotreibstoffe bedrohen Menschenrechte: In Lateinamerika, Asien und Afrika verschärft der industrielle Anbau von Agrotreibstoffen den Druck auf Kleinbauern/Kleinbäuerinnen und indigene Gemeinschaften. In vielen Fällen werden diese Bevölkerungsgruppen gewaltsam vertrieben. Die Kleinbauern werden mit ihrem kleinräumigen Produktionsmodell ins Abseits getrieben. Die Arbeitsbedingungen in den Plantagen sind zudem häufig katastrophal.
Nur auf den ersten Blick vielversprechend. Was auf den ersten Blick nach einer viel versprechenden Alternative zu fossilen Treibstoffen aussieht, ist auf den zweiten Blick ein Irrweg: Es gibt nicht genügend frei verfügbare und landwirtschaftlich nutzbare Flächen, um Erdöl im grossen Stil durch Agrotreibstoffe zu ersetzen. Ein noch nicht abzuschätzendes Potenzial enthalten biogene Treibstoffe der zweiten Generation. Hergestellt aus der ganzen Pflanze und gentechnisch verändert, könnten diese in Zukunft den Biotreibstoffmarkt revolutionieren. In Fachkreisen spricht man bei diesen Treibstoffen vom so genannten «Biomass-to-liquid-Verfahren»: Die gesamte, getrocknete Biomasse (nicht nur die Ölfrüchte) wird bei hoher Temperatur in Synthesegas umgewandelt und verflüssigt. Bis heute ist ein solcher Treibstoff aber noch nicht verfügbar.





