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1. Bisher über 600 vorzeitige Todesfälle durch Reaktorunfall
Rund 160‘000 EinwohnerInnen der Präfektur Fukushima leben heute noch evakuiert ausserhalb ihrer ursprünglichen Regionen oder Präfektur. Das Ministerium für Wiederaufbau beziffert die Zahlen der «indirekten Toten», die nicht direkt durch Erdbeben, Tsunami oder Reaktorunfall gestorben sind bis Ende März 2012 auf mindestens 761 offiziell anerkannte Todesfälle. Gemäss der Präfektur Fukushima sind es inzwischen (Ende August 2012) 1'000 Tote. Von diesen 1'000 Toten sind aber gemäss der Schätzung des Rechtsanwalts Masamichi Mori ca. 600 indirekt auf den Reaktorunfall zurück zu führen. Verstorbene der ersten Tage nach der Katastrophe in der Evakuationszone sind von der Zählung ausgenommen. Ältere Menschen über 60 sind besonders betroffen.
Quellen: Ministerium für Wiederaufbau, Fukushima Minpo Shinbun, Rechtsanwalt Masamichi Mori
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2. Über 42'000 Tonnen Atommüll ohne Mitspracherecht «entsorgt»
Die japanische Regierung plant Endlagerstätten für radioaktive Abfälle in fünf Präfekturen um Fukushima (Miyaghi, Ibaraghi, Tochigi, Gumma, Chiba). In diesen Endlagern sollen die radioaktiven Aschen und der Klärschlamm aus diesen Präfekturen beseitigt werden, die durch den Fallout vom Reaktorunfall verursacht wurden und mit über 8000 Bq/kg belastet sind. Bisher haben sich 42‘575 Tonnen davon angehäuft. Der japanische Staat ist für die Endlagerung in den Präfekturen zuständig. Das Umweltministerium hat dafür «geeignete Standorte» auf staatseigenen Grundstücken, oftmals Waldflächen, ausgewählt – ohne jede Vorwarnung und Rücksprache mit den betroffenen Gemeinden. Die Bevölkerung ist schockiert und der Widerstand heftig. Die Präfekturregierungen sind mit dem Vorgehen des Staates grundsätzlich einverstanden, die betroffenen Gemeinden entschieden dagegen. Bereits 2013 soll mit dem Bau der Endlager begonnen werden und ab 2014 sollen sie ihren Betrieb aufnehmen.
Quellen: Mainichi Shinbun, Tokyo Shinbun
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3. Zweite Schilddrüsen-Untersuchung zeigt deutlich schlechtere Resultate als im März 2012
Mitte September hat das Gesundheitsdepartement der Präfektur Fukushima die Resultate einer neuen Schilddrüsenkontrolle an Kindern in der Präfektur veröffentlicht. Diesmal wurden zwischen Mai und August ca. 45‘000 Kinder untersucht, fast ausschliesslich aus der Stadt Fukushima – also ca. 60 Kilometer Luftlinie vom Unfallreaktor entfernt. Die Ergebnisse sind schockierend: Es wurden deutlich mehr Knoten und Zysten in den Schilddrüsen der Kinder entdeckt als in der vorherigen Untersuchung bis März 2012 – obwohl das neu untersuchte Gebiet viel weiter vom Reaktor entfernt ist (siehe Fukushima News Juni 2012). Insgesamt wurden bei 44% der Kinder Veränderungen der Schilddrüse festgestellt, bei Mädchen deutlich mehr als bei Knaben. Bei 54% der Mädchen in der Primarschule und 55% in der Sekundarschule wurden Knoten oder Zysten in der Schilddrüse entdeckt.
Quelle: Gesundheitsdepartement der Präfektur Fukushima
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4. Neue Kommission und neues Amt mit inakzeptablen Mitgliedern
Am 19. September wurden der neue Nukleare Regulierungs-Rat (Nuclear Regulation Authority), sowie das neue Regulierungsamt als unabhängige Institutionen ausserhalb des Umweltministeriums eingerichtet. Diese haben vor allem zwei Ziele: Die Trennung von nuklearer Wirtschaft und Aufsicht, sowie die Rückgewinnung des Vertrauens in der Bevölkerung. Die Räte sollen «neutral, gerecht und transparent» sein. Doch die Räte wurden vom Premierminister bestimmt, obwohl nach geltendem Gesetz die Zustimmung des Parlaments nötig wäre. Zahlreiche Parlamentarier sind gegenüber der getroffenen Wahl der 5 Ratsmitglieder skeptisch. Besonders der Ratspräsident, Shunichi Tanaka, gilt als «Atomdorfbewohner». Er war Vizechef der Atomforschungsagentur und der atomfreundlichen Atomenergie-Kommission der Regierung, sowie Präsident der Atomic Energy Society. Seine Äusserung vor dem Parlament «Atomenergie ist kontrollierbar» hat die Bevölkerung schockiert. Zwei weitere Ratsmitglieder gehören zur Organisation, die über Atomenergie forscht bzw. radioaktive Stoffe nutzt. Das vierte Ratsmitglied ist ein ehemaliger Beamter der Aussenpolitik, verfügt also nicht über spezifisches Fachwissen. Eine grosse Welle der Kritik und des Widerstands bewegt die Bevölkerung.
Das Verhalten des Premierministers sei gesetzeswidrig kritisieren u.a. die Umweltorganisation Friends oft the Earth FoE, sowie der Verband der Rechtsanwälte Japans Nichibenren. Im Gesetz, das dem Regulierungsrat zugrundeliegt, steht explizit, dass Personen, die für die Atomindustrie oder ihr zugehörigen Organisationen gearbeitet haben, oder in den letzten drei Jahren finanzielle Abgeltungen von diesen erhalten haben, als Mitglieder ausgeschlossen sind.
Der neue Regulierungsrat will die Kriterien der bisherigen Stresstests für AKW nicht übernehmen, sondern binnen 10 Monaten neue Sicherheitskriterien vorlegen. Erst im Sommer 2013 soll über das Wiederhochfahren weiterer AKW diskutiert werden.
Quellen: E-Shift, FoE Japan, Nichibenren
» zum neuen Regulierungsamt Japans
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5. Ehemalige Botschafter Japans in der Schweiz warnt vor Reaktor 4
Mitsuhei Murata, ehemaliger japanischer Botschafter in der Schweiz und langjähriger, engagierter Atomkritiker, warnt das japanische Volk, die Parlamentarier, sowie die Regierungen auf ganzen Welt vor den Gefahren des Abklingbeckens beim Reaktor 4. In der Zeitschrift «Gendai Business» beschreibt er die folgende Problematik: Das Abklingbecken, worin 1535 Brennstäbe in Wasser lagern, ist durch Beben und Wasserstoffexplosion stark beschädigt. Zudem hat sich der Boden darunter ungleichmässig um bis zu 60 Zentimeter gesenkt. TEPCO möchte erst Ende 2013 damit beginnen, die Brennstäbe herauszunehmen und an einem sicheren Ort zu lagern. Trotz provisorischer Verstärkung des Gebäudes könnte ein stärkeres Beben das Becken beschädigen oder gar abstürzen lassen (es steht auf Stelzen). Dann würden die radioaktiven Stoffe in die Umgebung austreten, niemand könnte sich mehr dem ganzen Reaktorkomplex nähern, und eine weitere Kernschmelze könnte die Folge sein. In anderen Reaktorgebäuden von Fukushima-Daiichi sind weitere 14‘225 Brennstäbe gelagert. Diese enthalten zusammen die 85fache Menge an Cäsium 137 als jene in Tschernobyl. Dieses ultimative Katastrophenszenario hätte eine weltweite Kontamination zur Folge, schreibt Murata.
Er berichtet auch über wichtige Hinweise, die Arnie Gundersen, ein bekannter Nuklearexperte aus den USA, an einem Vortrag Ende August in Japan gegeben hat. Demnach beginnen die Brennstäbe im Abklingbecken zu brennen, sobald kein Wasser mehr vorhanden ist. Versucht man das Feuer mit Wasser zu löschen, explodieren die Brennstäbe. Um diese Gefahr auszuschalten, wurden in den USA spezielle chemische Löschmittel entwickelt. Die Vertreter von TEPCO dagegen sind der Meinung, dass das Abklingbecken niemals abstürzen könne und auch kein brennbares Material vorhanden sei. Weder TEPCO noch das japanische Amt wollen von dem Löschmittel aus USA etwas gewusst haben. Murata hat jedoch erfahren, dass die Regierung dieses Mittel bereits erhalten hat, jedoch TEPCO nicht darüber informiert hat und auch nicht an dessen Wirksamkeit glaubt.
Gundersen schlug auch vor, bereits jetzt zwei Drittel aus dem Abklingbecken zu entfernen, da diese schon genügend gekühlt seien. TEPCO scheint daran jedoch kein Interesse zu haben. Deshalb schlägt Mitsuhei Murata dem Premierminister Yoshihiko Noda die folgenden Massnahmen vor:
- Umsetzung des Atomausstiegs
- Der Staat übernimmt die gesamte Verantwortung für die Aufräumarbeiten am Unfallreaktor, auch um eine möglichst baldige Räumung des Abklingbeckens 4 zu gewährleisten.
- Um seine Nuklearprobleme zu lösen, benötigt Japan das weltweite Knowhow. Eine neutrale Bewertungskommission und eine internationale Arbeitsgemeinschaft für technische Zusammenarbeit sind rasch zu realisieren.
- Die Ereignisse in Fukushima haben gezeigt, dass nukleare Katastrophen für die Menschheit nicht akzeptierbar sind. Darüber soll weltweit informiert werden.
Quellen: Offener Brief von Mitsuhei Murata an Premierminister Yoshihiko Noda, Gendai Business
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6. Atomausstieg Japans: Unklarheiten
«Wieviel Atomstrom wollt ihr 2030?», so lautete die Frage der Regierung an die Bevölkerung. Als Antworten standen zur Auswahl: 0%, 15% oder 20-25%. Im Juli dieses Jahres wurden im Auftrag der Regierung in 11 Orten öffentliche Anhörungsveranstaltungen durchgeführt. 70% der Teilnehmenden entschieden sich für 0%. Im Sommer 2012 wurden 89‘000 Public comments durch eine Webseite an die Regierung abgegeben. 90% verlangten den vollständigen Atomausstieg. Im August wurden öffentliche Diskussions-Veranstaltungen mit 300 ausgewählten Personen durchgeführt. Der grösste Teil der Teilnehmer wählte ebenfalls mit null Prozent den Ausstieg.
Als Folge dieser eindeutigen Ergebnisse hat die Energie- und Umweltkonferenz der Regierungsräte am 14. September eine «Strategie der innovativen Energie und Umwelt» beschlossen. Darin ist das Ziel etwas unklar formuliert, nämlich den Atomausstieg bis in die 2030er Jahre zu ermöglichen. Allerdings hat die Regierung nicht dem ganzen Text dieser Strategie zugestimmt, sondern nur entschieden, diese als Grundlage für eine laufende Prüfung und Korrektur der Umsetzung zu positionieren. Dieser halbherzige «Atomausstiegsentscheid» ist unter massivem Druck aus Wirtschaftsverbänden, sowie der Elektrizitätsbranche entstanden. Um den Atomausstieg zu realisieren, möchte die Regierung den Strom-Endverbrauch bis 2030 um 19% senken.
Quellen: E-Shift, Asahi Shinbun
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7. Ganz Japan spart immer mehr Strom
Die Stromverbrauchsspitzen in Japan lagen bisher immer im Sommer (Juli-August), bedingt durch die zahllosen Raumkühlungs-Anlagen. Im Sommer 2012 waren im ganzen Lande nur 2 von 54 AKW in Betrieb. Trotzdem hatte Japan immer genug Strom, obwohl der Sommer heisser war als im Vorjahr. Die landesweiten Stromsparbemühungen durch die Bevölkerung, wie auch der Unternehmen zeitigen erfreuliche Ergebnisse. In West- und Südjapan wurde offiziell eine 5-10%ige Senkung der Spitzenlasten im Vergleich zu 2010 eingeführt und erreicht. In den übrigen Gebieten, inkl. der Stadt Tokyo, wurde freiwillig und ohne konkrete Zielangabe gespart. Die Resultate dürfen sich sehen lassen: im TEPCO-Gebiet (Agglomeration Tokyo) konnte der Stromverbrauch um 14% gesenkt werden, im KEPCO-Gebiet (Agglomeration Osaka) und im übrigen Land um 10%. Die Spitzenlast – sie ist für die Produktion entscheidend – ging im Tepco-Bereich um 15,3%, im Kepco-Bereich um 13,4% und insgesamt um 12,3% zurück. Rund die Hälfte des japanischen Stroms wird in den Ballungszentren Tokyo und Osaka verbraucht.
Die Erfahrungen haben bereits im Sommer 2011 gezeigt, dass Sparmassnahmen bei Beleuchtungen und Kühlanlagen besonders wirksam und auch einfach umzusetzen sind.
Quellen: Statistik Fepc, Tokyo Shinbun
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8. Dank KEV: Leistung eines grossen AKW innert zwei Monaten
Am 1. Juli 2012 hat Japan die Einspeisevergütung für erneuerbaren Strom eingeführt – ohne Deckel. Nach Informationen des Wirtschaftsministeriums wurde bis Ende August bereits eine Anlageleistung von 1‘300‘000 kW für die Vergütung bewilligt. 79% davon fallen auf die Photovoltaik, 20% auf Windenergie. Das Wirtschaftsministerium rechnet mit einer Verdoppelung bis Ende Jahr.
Quelle: Asahi Shinbun
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