Februar-News aus Fukushima

6. Februar 2012 - In Zusammenarbeit mit der japanischen Fachjournalistin Kaori Takigawa liefern wir monatlich Aktualitäten & Hintergründe direkt aus Japan. Für Fragen oder Anregungen stehen wir per oder telefonisch unter 044 275 21 21 gerne zur Verfügung.

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Die Blog-Einträge im Februar:
1. 12'000 Teilnehmer an der Atomausstiegs-Konferenz in Yokohama
2. Kampf um Stresstests und Wiederhochfahren von AKW
3. Böse Überraschungen bei Neubauten
4. Dächer vermieten für Solaranlagen – statt AKW
5. Strahlungskrankheiten bei Kindern?
6. Staatsfernsehen enthüllt radioaktive Gewässerverseuchung
7. Fukushima aus Patientenstatistik ausgeschlossen

1. 12'000 Teilnehmer an der Atomausstiegs-Konferenz in Yokohama
Mitte Januar wurde in Yokohama eine zweitägige Weltkonferenz für den Atomausstieg erfolgreich durchgeführt. Referate internationaler Spezialisten haben 12'000 Teilnehmer angelockt. Zusätzlich haben 100'000 Personen die Tagung per Internet-TV verfolgt. Das Interesse der Bevölkerung am Atomausstieg und an einer erneuerbaren Zukunft hat in Japan historische Dimensionen erreicht. An der Eröffnungsveranstaltung hielt ein evakuierter Viertklässler aus Fukushima, Yuji Totsuka, eine aufwühlende Rede: «Ich möchte die wichtigen Leute dieses Staates fragen: Was ist wichtiger, unser Leben oder Geld? Ich habe meinen Traum für die Zukunft. Ich will ein Fachmann werden, der den Menschen Nutzen bringt, z.B. im Bereich der umweltfreundlichen Energie. Für diesen Traum will ich gesund bleiben und nicht sterben. Leute, wir Kinder brauchen keine Atomkraftwerke!» In einer Session mit Gemeindepräsidenten wurde eine «Arbeits-gemeinschaft der Gemeindevorsteher für Atomausstieg» gegründet. Die Konferenz hat ein Yokohama-Statement publiziert. Dieses verlangt, dass die Rechte der Fukushima-geschädigten geschützt werden; dass Staat und Tepco die Informationen total offen legen; dass der weltweite Atomausstieg geplant wird und die japanischen AKWs nicht mehr hochgefahren werden; dass der Export von Atomtechnologie verboten und die kommunale Energieversorgung ohne AKWs unterstützt wird.
Quelle: http://npfree.jp/tv.html

» Zur Yokohama Declaration for a Nuclear Power Free World

» Zum Video der Konferenz (Englisch)
» Zum Video mit der Rede von Mycle Schneider (unabhängiger Energie- und Atomexperte und regelmässiger Redaktor im SES-Magazin Energie&Umwelt, Minute 11.10-26.05.)

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2. Kampf um Stresstests und Wiederhochfahren von AKW
Atomfreundliche Kräfte in Regierung und Behörden fordern ein möglichst rasches Wiederhochfahren der AKW nach den Unterhaltsarbeiten und Stresstests. Eine Delegation der IAEA (International Atomic Energy Agency) hat Ende Januar Japan besucht und diese Forderungen unterstützt. Dagegen besteht starker Wiederstand aus der Bevölkerung und einem Teil der Medien. Insbesondere werden einmal mehr die mangelnde Transparenz und die ungenügenden Standards für die Stresstests kritisiert. Beispiel: Am 18. Januar wurde eine öffentliche Sitzung von Fachleuten des Sicherheitsamtes angesagt – darin sollten die Ergebnisse der Stresstests zweier AKW diskutiert werden. Doch plötzlich wurde das Publikum ausgeschlossen. Übrigens: Die japanische Regierung geht davon aus, dass auch im Sommer 2012 die Stromversorgung des Landes ohne ein einziges AKW gewährleistet sein wird.
Quelle: Greenpeace Japan, Global Ethics

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3. Böse Überraschungen bei Neubauten
In einem im Juli 2011 gebauten Mehrfamilienhaus in der Stadt Nihonmatsu in der Präfektur Fukushima wurde in den Räumen hohe Strahlung (1.16 Mikrosievert pro Stunde) gemessen. Ursache sind Steine, welche im Betonfundament eingegossen worden sind und die aus einem Steinbruch stammen, der 10 Kilometer entfernt vom Unfallreaktor liegt. Der Stadtpräsident von Nihonmatsu verlangt von Tepco und dem japanischen Staat, dass die Bewohner vollumfänglich zu entschädigen seien. Steine aus demselben Steinbruch sind an verschiedene Händler verkauft worden, für Wohnungen, Strassen, Parkanlagen und Gewässerbau – insgesammt auf rund 1000 Baustellen. Bisher bestehen keinerei gesetzliche Grenzwerte für Bausteine!
Quelle: Zeitung Mainichi-Shinbun, Save Children

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4. Dächer vermieten für Solaranlagen – statt AKW
Die Zeitung Asahi-Shinbun berichtet, dass die japanische Regierung ab Sommer 2012 ein nationales Dachvermietungssystem für Photovoltaik vorsieht. Ab Juli wird die kosten-deckende Einspeisevergütung eingeführt. Mit dem Dachvermietungssystem bezweckt die Regierung, dass viele Unternehmer ins PV-Geschäft einsteigen werden und die Produktion von Solarstrom beschleunigt wird. Die Hausbesitzer profitieren von der Dachmiete, die Unternehmer vom Stromverkauf.
Quelle: Zeitung Asahi-Shinbun

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5. Strahlungskrankheiten bei Kindern?
Dr. Shuntaro Hida ist ein 94-jähriger Arzt, der die Atombomben von Hiroshima noch erlebt hat und die geschädigten Patienten mit Strahlenkrankheiten über Jahrzente begleitet hat. An der Gründungskonferenz der «Arbeitsgemeinschaft Innere Strahlung» hat Dr. Hida eine fulminante Rede gehalten. Darin führt er aus, wie die gesundheitlichen Folgen der Atombomben nach dem zweiten Weltkrieg durch die USA und die japanische Regierung konsequent versteckt worden seien. Deshalb gebe es keine genauen wissenschaftlichen Informationen von damals und die Folgen innerer Strahlung (durch Nahrung und Atmung) wurden nie als Krankheit anerkannt. «Die ausgetretene Radioaktivität von Fukushima ist eine Mischung aus Uranium und Plutonium, wie jene der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Es ist nur logisch anzunehmen, dass bestrahlte Leute dasselbe erleiden werden, wie nach den Bombenabwürfen. Die unerklärbaren Folgen der inneren Strahlung zeigten sich damals genau nach einem Jahr. Ich vermute, dass etwa ab März 2012 viele Menschen unter unerklärbaren Symptomen leiden werden. Leider gibt es keine Ärzte in Japan, welche diese bedauernswerten Menschen sachkundig beraten könnten. Sondern alle werden ihnen sagen, dass sie nicht krank seien. Genau so wie damals in Hiroshima und Nagasaki. Die Menschen litten unter Antriebslosigkeit, wurden arbeitsunfähig und von der Gesellschaft ausgeschlossen.» Bei Shuntaro Hida häufen sich seit Mai 2011 immer mehr Anfragen aus ganz Japan unerklärliche Symtome bei Kindern betreffend: Durchfälle, Nasenbluten, Hämatome, Mundhöhlenentzündungen etc. In der japanischen Bevölkerung wächst das Interesse für Niedrigstrahlung und innere Strahlung. Im Dezember haben sich deshalb Ärzte, Wissenschafter und Bürgerorganisationen zusammengetan und die «Association for citizens and scientists concerned about internal radiation exposures (ACSIR)» gegründet. Sie wird wissenschaftliche Studien und Untersuchungen betreiben, Forderungen an die Regierung stellen, Medien und Bevölkerung aufklären. Bereits wurde die Forderung gestellt, die Grenzwerte für radioaktiv verseuchte Lebensmittel um den Faktor 100 zu senken.

» zur Homepage der Association for Citizens and Scientists Concerned about Internal Radiation Exposure ACSIR (auch englisch)
» zum Video der Rede

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6. Staatsfernsehen enthüllt radioaktive Gewässerverseuchung
Am 15. Januar hat das japanische Staatsfernsehen NHK eine schockierende Sendung über die Gewässerverseuchung durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima ausge-strahlt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern hat NHK erstmals das Meer im 20 Kilometer-Umkreis vom Unfallreaktor untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Radioaktivität im Meer durch die Strömungen nicht verdünnt wird, wie von staatlicher Seite bisher behauptet wurde. Vielmehr haftet sie in Schlammpartikeln und bildet punktuelle Hotspots, die sich Richtung Süden bewegen. Im Umkreis von 20 Kilometern wurden bis zu 4520 Bq/kg (Cäsium) im Meeresboden gemessen. Nahe dem Boden lebende Fische, die sich von Lebewesen in diesem Schlamm ernähren, zeigen besonders hohe Werte. Auch in 120 Kilometern Entfernung werden noch 380 Bq/kg gemessen, in 180 Kilometern noch 112 Bq/kg. Die Sendung machte aber auch auf die verheerende Kontamination von Seen und Flüssen aufmerksam. Der Akaghionuma-See in der Präfektur Gumma beispielweise, 200 Kilometer entfernt und auf 1345 M.ü.M gelegen. Darin wurden im August in Plankton fressenden Fischen über 640 Bq/kg gemessen, in der Schlammschicht des Sees 950 Bq/kg und zwar bis 20 Zentimeter Tiefe. Der See wird von Fliessgewässern der umgebenden Berge gespiesen, die radioaktiven Fallout mit sich führen. Auch an der Mündung des grossen Flusses Edogawa in Tokyo wurden Werte bis 872 Bq/kg gemessen, an einer Stelle sogar 1623 Bq/kg. Der Edogawa fliesst in die Tokyo-Bay, und nach Berechnung der Kyoto-Universität wird deren radioaktiven Verseuchung den Höchststand erst ca. 2,5 Jahren nach dem Unfall erreichen.
Quelle: NHK

» zum Video der Sendung

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Recherchiert von Kaori Takigawa

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