Dezember-News aus Fukushima

6.12.2011 - Die Schweizerische Energie-Stiftung SES setzt sich dafür ein, dass der Super-GAU in Fukushima nicht vergessen geht. Dank der japanischen Fachjournalistin Kaori Takigawa dürfen wir Ihnen monatlich Aktualitäten & Hintergründe aus Japan liefern. Für Fragen oder Anregungen stehen wir per oder telefonisch unter 044 275 21 21 gerne zur Verfügung.

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Die Blog-Einträge im Dezember:
1. Strontium in Tokyo entdeckt
2. Cäsium aus Fukushima 5000 Meter tief im Meer gefunden
3. «Occupy Wirtschaftsministerium» für den Atomausstieg
4. Unfallsimulationsdaten aller japanischen AKW jetzt auf dem Internet
5. Tepco bestätigt: Sommer 2012 ohne AKW ist möglich
6. Die IEA verschreibt Japan eine strahlende Zukunft

7. Hintergrund: Die Tragödie um das schönste japanische Dorf

1. Strontium in Tokyo entdeckt
Eine Bürgergruppe hat radioaktives Strontium an verschiedenen Standorten in Tokyo entdeckt, also ca. 250 Kilometer Luftlinie vom Unfallreaktor entfernt. Bisher hat das Wissenschaftsministerium nur im Radius von 100 Kilometern das Vorkommen von Strontium untersucht. Die Untersuchung der Bürgergruppe zeigt also, dass auch Strontium weiter verbreitet ist als bisher angenommen. Allerdings behauptet das Wissenschaftsministerium, dass dieses Strontium aus früheren Atomexperimenten stammt. Auch hohe Cäsium-Werte werden weiterhin laufend entdeckt. Der Tokyoter Stadtbezirk Arakawa hat eigene Messungen in Kindergärten und Schulanlagen durchgeführt. 50 von 82 Messpunkten haben die Grenzwerte von 0.23 Mikrosievert pro Stunde überschritten. In einer Primärschule wurden sogar 6.4 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Diese Schulen müssen alle dekontaminiert werden. Das Wissenschaftsministerium hat am 25. November durch Untersuchungen bestätigt, dass Cäsium aus dem Unfallreaktor in 45 von 47 Präfekturen gemessen wurden, u.a im 1700 Kilometer entfernten Okinawa.
Quellen: Zeitung Tokyoshinbun und Asahishinbun

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2. Cäsium aus Fukushima 5000 Meter tief im Meer gefunden
Einen Monat nach dem Reaktorumfall in Fukushima hat die Agentur für Meeresforschung (JAMSTEC) Feinpartikel aus 5000 Kilometer Meerestiefe gesammelt: Einmal nahe der Halbinsel-Kamtschatka (2000 Kilometer von Unfallreaktor entfernt), und einmal nahe der Ogasawara-Insel (1000 Kilometer südostlich). Beide Proben enthielten radioaktives Cäsium, das gemäss seiner Zusammensetzung vermutlich aus dem Atomkraftwerk Fukushima stammt.
Quelle: Zeitung Asahishinbun

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3. «Occupy Wirtschaftsministerium» für den Atomausstieg
Seit dem 11. September dieses Jahres besetzt eine Bürgergruppe den Platz vor dem Wirtschaftsministerium Japans in Tokyo mit einem Zeltlager. Herr Sawada, einer der Organisatoren dieser Bewegung schreibt: «Ca. 50 Personen besetzen abwechselnd den Platz. Unser Durchschnittsalter beträgt ca. 65 Jahre. Das älteste Mitglied ist 79. Wir verlangen den Atomausstieg und ein Exportverbot für Atomanlagen. Jeden Tag haben wir ca. 60 bis 80 Besucher. Sogar einige MitarbeiterInnen des Wirtschaftsministeriums haben unsere Forderungen unterschrieben.» Von Ende Oktober bis anfangs November nahmen zusätzlich ca. 200 Frauen aus Fukushima und 2000 Frauen aus ganz Japan 10 Tage lang an der Besetzung teil und forderten das Wirtschaftsministerium auf, die Kinder aus Gebieten mit hohen Strahlungwerten umgehend zu evakuieren.

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4. Unfallsimulationsdaten für alle japanischen AKW auf dem Internet
Das Wissenschaftsministerium ist der Forderung von Greenpeace Japan nachgekommen und hat eine Unfall-Simulationskarte aller japanischen AKW veröffentlicht. Die Karten zeigen die mögliche Verbreitung der Radioaktivität im Falle eines AKW-Unfalls und nützen besonders der Diskussion über das Wiederhochfahren der Reaktoren. «Die betroffenen Gemeinden sollten alle an dieser Diskussion teilnehmen», schreibt Greenpeace Japan in einer Pressemitteilung.

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5. Tepco bestätigt: Sommer 2012 ohne AKW ist möglich?
Die Nachrichtenagentur Kyodo hat am 22. November berichtet, dass die Tepco gemäss eigener Berechnung im Sommer 2012 eine Versorgungsleistung von 57 GW sicherstellen kann, auch wenn alle 17 betriebseigenen AKW abgestellt wären. Diese Leistung übertrifft diejenige des Sommers 2011 und ermöglicht eine ausreichende Stromversorgung. Insgesamt sind in Japan zur Zeit neun von 54 AKW in Betrieb.

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6. Die IEA verschreibt Japan eine strahlende Zukunft ?
Die Präsidentin der Internationalen Energie Agentur IEA, Maria Van der Hoeven, hat einer Kommission des japanischen Wirtschaftsministeriums Mitte Novermber drei Szenarien für die künftige Stromversorgung des Landes vorgestellt. Alle drei setzen mehr oder weniger stark auf Atomenergie und ignorieren das Potenzial der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz vollständig. Der Bund japanischer Umweltorganisationen hält diese Szenarien einhellig für unrealistisch, unethisch und unverantwortlich. Der japanische Wirtschaftsdachverband Keidanren hat Mitte November ein Positionspapier präsentiert. Darin wird die baldige Wiederinbetriebnahme der AKW gefordert. Der Verband hat offenbar das riesige und auch volkswirtschaftliche Potenzial erneuerbarer Energien in Japan noch nicht erkannt. Demgegenüber hat der WWF Japan etwa gleichzeitig seine Szenarien für die Energiezukunft Japans veröffentlicht. Darin wird auf der Basis professioneller wissenschaftlicher Berechnungen aufgezeigt, dass die vollständige Energieversorgung des Landes (Strom, Wärme, Transport) mit 100% Erneuerbaren bis 2050 technisch machtbar ist.

» Szenario WWF
» Präsentation IEA

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7. Hintergrund: Die Tragödie um das schönste japanische Dorf
Die Geschichte von Iidate ist eine Tragödie. Das Dorf war in Japan als schönstes  Dorf bekannt und tat in den letzten 16 Jahren viel für eine hohe Lebensqualität. So hatte jeder Weiler eigene Aktionspläne, um eine attraktive, naturnahe, ländliche und ökologische Gemeinschaft zu realisieren. Erneuerbare Energien wurden eingeführt und ein ökologisches und energieeffizientes Modellhaus mit Modellgarten gebaut. Daran konnte sich die Bevölkerung orientieren. Prof. Koji Itonaga, Umweltwissenschafter an der Nihon University, hat diese Entwicklung von Anfang an professionell begleitet. Dann kam der 11. März und der Super-GAU in Fukushima-Daiichi. Iidate liegt 28-45 Kilometer vom Unfallreaktor entfernt, wurde aber am 15. März 2011 durch Niederschlag stark radioaktiv verseucht. Alle 1800 Haushaltungen mit 6000 Bewohnern mussten evakuiert werden. Die Einwohner wohnen heute in provisorischen oder öffentlichen Wohnbauten in den umliegenden Städten in der Präfektur Fukushima. Auch dort sind die Strahlungswerte hoch, aber doch etwas geringer als in Iidate. Rund 500 Dorfbewohner pendeln noch heute zu den Fabriken im Dorf Iidate, um zu arbeiten. Der Betrieb der Fabriken wurde vom Staat als Ausnahme erlaubt. 400 Dorfbewohner sind für die 24stündigen Patrouillen im Dorf und 100 für Arbeiten in der Administration der Gemeinde angestellt - alles Beschäftigungsmassnahmen.

Auch nach dem 11. März hilft Prof. Koji Itonaga mit seiner Unterstützungsgruppe der evakuierten Bevölkerung bei den Strahlungsmessungen, bei der Meinungsbildung und der Sicherstellung würdiger Lebensbedingungen. Sie führt Workshops, baut Schrebergärten mit den Leuten und organisiert Kindercamps in sicheren Gebieten. Doch «dieses schöne und achtsame Dorfleben erlitt durch den Reaktorunfall Totalschaden,» schreibt Prof. Itonaga.

Durch die Evakuierung in kleine Wohneinheiten wurden die traditionellen Grossfamilien auseinandergerissen. Die Meinungen der Bevölkerung über die Zukunft des Dorfes gehen total auseinander. Der japanische Staat und der Gemeindepräsident plädieren stark für die Dekontamination und eine Rückkehr der Bevölkerung in 2 bis 3 Jahren. Die Dekontamination der Wohnungen dürfte ca. 2 Jahre benötigen, die der Felder 5 Jahre und die für den Wald 20 Jahre. 75% der Gemeindefläche ist Wald. Der grösste Teil des Dorfgebietes würde also weiter strahlen, auch nach der Rückkehr der Bevölkerung. Auch gibt es keinen Platz für die strahlenden Abfälle. Die Dekontamination würde für das Gemeindegebiet ca. 3.5 Mia. CHF kosten, pro Kopf gerechnet also ca. 600'000 CHF.

In den Umfragen der Unterstützungsgruppe rund um Prof. Itonaga sind die meisten jüngeren Bewohner (unter 50) der Meinung, dass die Dekontamination nicht machbar sei und sie lieber umsiedeln wollen. Ca. 30% der älteren Bewohner wollen ins Dorf zurück, aber der Rest sieht keinen Sinn in der Rückkehr ohne die jüngeren Generationen. Die Stimmen aus der Umfrage sind ergreifend. Hier nur einige Beispiele:

  • «Ich habe Kinder, kann nicht mehr zurück. Träume von Neu-Iidate Dorf. Wenn wir alle miteinander gehen, schaffen wir es.» (26 Jahre alt)
  • «Ich bin für Umsiedlung, aber in der Nähe. Möchte die Kontakte mit meinen Nachbarn und Freunden nicht verlieren.» (31 Jahre alt)
  • «Ich möchte mit den Dorfbewohnern leben, auch an einem Ort weit weg. Die Dorf-Patrouille soll eine Sicherheitsfirma übernehmen.» (55 Jahre alt)
  • «Ich möchte dort leben, wo es sicher ist. Dekontamination ist unrealistich. Mit diesem Geld möchte ich lieber hingehen wo ich will.» (73 Jahre alt)
  • «Unbedingt nach Hause zurückkehren, möchte nicht weiter. Die Kinder sollen dort leben wo sie wollen.» (64 Jahre alt)
  • «Ich möchte weiter meine Lebensmittel selber produzieren. Aber allein zurückkehren macht keinen Sinn.» (83 Jahre alt)

Itonaga selber schreibt: «Eigentlich kann man mittelfristig in Iidate nicht mehr wohnen und Landwirtschaft betreiben. Wie in Tschernobyl!»

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» Fotos vom Dorf Iidate

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Recherchiert von Kaori Takigawa

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