Fukushima-News: Stand der Dinge

Die Themen im Blog:
- AKW: Schon vor dem Eintreffen des Tsunami beschädigt?
- Neue Nuklear- und Industrie-Sicherheitsbehörde
- Reaktorenzustand Ende September 2011
- TEPCO drückt sich um Entschädigung
- Ganz Ostjapan ist von der Strahlung betroffen
- Kein Verursacherprinzip für Dekontaminierung
- Radioaktive Abfälle ins Meer kippen?
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AKW: Schon vor dem Eintreffen des Tsunami beschädigt?
Die japanische Regierung und TEPCO haben immer behauptet, der Tsunami sei die Ursache für die AKW-Katastrophe gewesen. Das Erdbeben hingegen habe keine für die Sicherheit wichtigen Einrichtungen beschädigt. Doch seit längerem machen renommierte Wissenschafter darauf aufmerksam, dass höchst wahrscheinlich einige entscheidende Sicherheitseinrichtungen bereits vor Eintreffen des Tsunamis durch das Erdbeben zerstört worden waren. Einer davon ist Reaktor-Ingenieur Mitsuhiko Tanaka. Er hatte damals den Druckbehälter von Reaktor Fukushima 4 geplant. Auf Grund der von TEPCO veröffentlichten Daten hat Tanaka eine Unfallanalyse von Reaktor 1 durchgeführt und kommt zum Schluss, dass die enorme Drucksteigerung im Containment nur durch eine vorausgegangene Beschädigung der Kühlleitungen infolge des Erdbebens erklärt werden kann. Auch für Reaktor 2 berechnet er, dass der Drucksteuerungskammer bereits vor Eintreffen des Tsunamis beschädigt war.
Tanaka und andere Wissenschafter sind der Meinung, dass TEPCO die Voraussetzungen für ihre Simulationen manipuliert habe, damit die Resultate belegen sollen, dass die wichtigen Einrichtungen vor dem Tsunami intakt gewesen seien. Sollte sich die These bewahrheiten, dass die sicherheitsrelevante Konstruktion von AKW grundsätzlich stärkeren Erdbeben nicht standhält, könnte in Japan kein einziges AKW wieder hochgefahren werden.
» Weitere Infos: Citizens Nuclear Information Center,
Neue Nuklear- und Industrie-Sicherheitsbehörde
Bisher war diese Behörde dem Wirtschaftsministerium unterstellt, welches sich die Förderung der Atomindustrie auf die Fahnen geschrieben hatte. Eine unheilvolle Allianz. Die japanische Regierung hat im August 2011 eine Reorganisation beschlossen: Unter dem neuen Namen «Amt für Atomsicherheit» wird diese Behörde ab April 2012 dem Umweltministerium unterstellt. Dieses hat allerdings vor Fukushima die Atomkraft als angeblich «saubere, umweltfreundliche und klimaneutrale» Energiequelle befürwortet. Deshalb bleibt abzuwarten, wie sich das neue, mit 500 Planstellen bedachte Amt bewähren wird.
Ähnlich wie in der Schweiz hat die Doppelkontrolle (Amt und Kommission) auch in Japan nie wirklich funktioniert. Zum Vergleich: Das Schweizer Ensi hat rund einen Zehntel so viele Stellen.
» Mehr Informationen: Nuclear and Industrial Safety Agency
Reaktorenzustand Ende September 2011
Laut einer Pressemitteilung der TEPCO vom 20. September funktioniert in den Reaktoren 1-3 das neu eingerichtete Kühlsystem zufriedenstellend. Um eine Wasserstoffexplosion zu vermeiden, wird Stickstoffgas in die Containments eingeblasen. Bei den Abklingbecken der Reaktoren 1-4 funktionieren die Kühlkreisläufe stabil. In den Turbinengebäuden der Reaktoren 1-4 befinden sich riesige Mengen stark radioaktiv verseuchtes Wasser (insgesamt ca. 570‘000 Barrel, gemäss einer der grössten japanischen Tageszeitungen «Mainichi Shinbun»). Dieses Wasser wird entsalzt und dekontaminiert, danach wieder in den Kühlkreislauf eingespiesen.
Gemäss Mainichi Shinbun dringen durch Risse grosse Mengen Grundwasser in die Gebäude ein, und zwar 200 bis 500 Kubikmeter täglich. Regierung und TEPCO haben sich zum Ziel gesetzt, die Temperatur unter den Druckbehältern bis Ende Jahr unter 100 Grad Celsius zu senken. Diese Kaltabschaltung sei laut aktuellen Messungen bereits weitgehend erreicht, allerdings noch unstabil. Unabhängige Fachleute halten demgegenüber fest, dass der Begriff «Kaltabschaltung» nur für intakte Reaktoren gelte, in Fukushima jedoch drei der sechs Reaktoren Kernschmelzen erlitten haben.
Professor Hiroaki Koide vom Institut für Atomforschung der Kyoto Universität sagt jedoch, niemand wisse bis jetzt, wo die Brennstäbe der Reaktoren 1-3 hingekommen seien. Es könnte sein, dass sie sich bereits im Grundwasser befinden oder auf dem Weg dahin. Um die Verseuchung des Grundwassers zu vermeiden, hat TEPCO im August einen Plan veröffentlicht, nach welchem um die Anlagen 1-4 eine Stahlwand eingesenkt werden soll. Bisher wurden gemäss Mainichi Shinbun)insgesamt ca. 12‘000 Leute für die Aufräumarbeiten eingesetzt. Wegen der hohen Radioaktivität können die Mitarbeiter jeweils nur für kurze Zeit arbeiten. (Quelle: Zeitung Mainichi Shinbun)
TEPCO drückt sich um Entschädigung
Mitte September hat TEPCO den von der Reaktorkatastrophe Betroffenen Antragsformulare zugesandt. Als Betroffene gelten jene Anwohner, die infolge der AKW-Katastrophe von der Regierung aufgefordert wurden ihre Wohnorte zu verlassen. Pikantes Detail: Wer seinen Wohnort auf Grund hoher Strahlungswerte freiwillig verlassen hat – z.B. junge Familien aus Rücksicht auf ihre Kinder – hat keinen Anspruch auf Entschädigung. Doch das ist nicht das einzige Problem: Die Antragsformulare umfassen 60 Seiten, dazu gibt es eine 160seitige Anleitung. Das Ausfüllen der Formulare sei für Normalbürger kaum möglich. Und auch inhaltlich gibt Ungereimtheiten: Die Abgeltung der Schäden an Land und Gebäude beispielsweise ist nicht eingeschlossen. Die japanische Vereinigung der Rechtsanwälte warnt die Betroffenen davor, mit ihrer Unterschrift ihr Anrecht auf spätere Forderungen aufs Spiel zu setzen. Deshalb fordert der Verband, die Formulare kundenfreundlicher zu gestalten.
Auch die Bauern leiden
Herbst ist in Honshu Erntezeit. Wie zu erwarten war, findet man in Pilzen, Kastanien, Reis u.v.m. erhöhte Cäsiumkonzentrationen, teilweise über den gesetzlich erlaubten Grenzwerten. Aufregung hat u.a. Der Reis verursacht, der in der Gegend von Nihonmatsu, in 60 Kilometern Luftlinie vom Unglücksreaktor entfernt geerntet wurde und ziemlich genau am Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm lag – obwohl der dortige Boden nach Kontrolle für den Anbau freigegeben worden war. Eine besondere Situation stellt sich auch beim Tee. Erntezeit sind Frühling und Frühsommer. In verschiedenen Anbaugebieten wurde der Verkauf von Tee nach massiv überschrittenen Werten verboten. Bauern, die ihre Produkte wegen radioaktiver Belastung oder aufgrund der Befürchtungen bei den Konsumenten nicht verkaufen können, werden theoretisch von TEPCO entschädigt. Doch Satoshi Nemoto, der Vorsitzende des regionalen Bauernverbandes, weist auf immanente Schwierigkeiten bei der Beantragung von Entschädigungen hin: Die Beweislast liegt vollumfänglich beim Produzenten. Dies bedeutet: Fotografischer Nachweis der Erzeugnisse, Vergleiche zum Umsatz des Vorjahres usw. Kleinere Produzenten verzichten verzichten wegen des Aufwandes darauf. Ende August wohnten ca. 102‘000 Menschen aus den 12 unmittelbar von der AKW-Katastrophe betroffenen Gemeinden gezwungenermassen auswärts (Quelle: Zeitung Mainichi Shinbun).
Ganz Ostjapan ist von der Strahlung betroffen
Ende August hat die japanische Atomsicherheits-Behörde ihre Berechnung veröffentlicht, nach welcher der AKW-Unfall von Fukushima 168 mal mehr Cäsium 137 ausgestrahlt hat als die Hiroshima-Bombe. Die Halbwertszeit von Cäsium 137 beträgt 30 Jahre. Anfang September hat die Japan Atomic Energy Agency bekanntgegeben, wieviel Cäsium 137 die Bodenoberfläche zwischen 12. März und Ende April 2011 erreicht hat. Das Resultat: Alle Präfekturen ausser Aomori und die Nordinsel Hokkaido sind in Ostjapan vom Fallout betroffen (siehe Karte). (Quelle: Japan Atomic Energy Agency)
Am 27. September hat das Ministerium für Wissenschaft die Ergebnisse des Strahlungsmonitorings (tatsächliche Messungen aus dem Flugzeug) betreffend Cäsium am Boden als Karte herausgegeben, zunächst einmal vom Norden bis Chiba (das Monitoring wird weitergeführt). Darauf ist ein Gürtel von mindestens 250 Kilometern als verseuchtes Gebiet erkennbar (siehe Karte). Am 30. September hat dasselbe Ministerium bekanntgegeben, dass an sechs Messstellen in der Provinz Fukushima – darunter im Dorf Idate, 45 Kilometer von Reaktor entfernt – Plutonium im Boden festgestellt wurde. Ausserdem in 80 Kilometern Entfernung Strontium. (Quelle: the Ministry of Education,Culture,Sports,Science & Technology in Japan)
Kein Verursacherprinzip für Dekontaminierung
Auch Schweizer Medien haben darüber berichtet: am 30. September verfügte die Regierung die Aufhebung der Evakuierungszone zwischen 20 und 30 Kilometern Entfernung vom Reaktor. Dieses Gebiet umfasst 5 Gemeinden mit insgesamt 58‘000 Einwohnern, wovon ca. die Hälfte die Region verlassen hat. Die Begründung für die Aufhebung lautet: Einerseits seien die Reaktoren in relativ stabilem Zustand, andererseits liegen die Dekontaminierungspläne der einzelnen Gemeinden vor. Aber: Die Dekontaminierung hat noch nicht überall stattgefunden. Die Aufhebung der Evakuationszone entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Denn eine flächendeckende Dekontamination ist in der Praxis undurchführbar, niemand weiss wohin mit dem kontaminierten Material: Erde, Strassenbeläge, Gras, Laub, Baumaterial etc. Dazu kommt die ständig neue Kontamination durch Niederschläge, Auswaschung der Hänge etc. Professor Yamauchi vom Fachbereich Strahlenforschung der Kobe Universität hat Messungen vor Ort nach der Dekontamination eines Schulwegs getätigt. Sie zeigten, dass die Strahlung nur um ca. 30% gesunken ist.
Die Kosten für die Dekontaminierung müssen nicht von TEPCO übernommen werden. In der japanischen Bodenschutzverordnung ist radioaktive Verseuchung ausdrücklich von der Haftpflicht ausgenommen. Der Staat wird die Gebiete mit einer Strahlungsbelastung von über 20 Millisievert pro Jahr auf eigene Kosten dekontaminieren. Gebiete unter 5 Millisievert/Jahr erhalten keinerlei finanzielle Unterstützung vom Staat. Dies bedeutet, dass die Gemeinden und Anwohner selber dafür verantwortlich gemacht werden – und dies, wo doch z.Z. kaum mehr Einkommen generiert werden kann.
Radioaktive Abfälle ins Meer kippen?
In ganz Ostjapan sind Klärschlamm und Asche aus Kehricht-Verbrennungsanlagen radioaktiv verseucht. Da es in Japan weder Zwischenlager noch Endlager gibt, sind die Gemeinden für die Aufbewahrung dieser Abfälle zuständig. Das Material wird täglich mehr. Die Stadtverwaltung von Yokohama hat mitgeteilt, sie werde Mitte September 27‘000 Tonnen radioaktives Material ins Meer kippen. Der grosse Widerstand aus der Bevölkerung hat dieses Vorhaben kurzfristig verhindert. Das zu versenkende Material hatte zwischen 2442 und 6448 Becquerel pro Kilogramm. Der Staat erlaubt das Vergraben radioaktiven Materials bis zu 8000 Becquerel, allerdings in Gefässen.