Ist das AKW Beznau I noch sicher?

Der Reaktor 1 beim weltweit ältesten AKW Beznau ist seit über zwei Jahren vom Netz. Im Sommer 2015 wurden bei der wichtigsten Komponente überhaupt – dem Reaktordruckbehälter – rund 950 fehlerhafte Materialstellen von 5-6 mm Grösse entdeckt. Die Axpo ist jedoch überzeugt, dass die Sicherheit nicht gefährdet ist und möchte Beznau I bald wieder in Betrieb nehmen.

Von Rafael Brand

Schweizer Atomkraftwerke dürfen so lange laufen wie sie als sicher gelten. Genau diese heikle Frage überprüft derzeit das Eidg. Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI beim mit 48 Jahren weltweit ältesten AKW Beznau I. Im Sommer 2015 nämlich wurden in der wichtigsten Komponente überhaupt, im nicht austauschbaren Reaktordruckbehälter (RDB) aus Stahl, im Stutzen- und oberen Kernring, rund 950 Materialfehler entdeckt. Mehr denn je stellt sich also die Frage, ob und wie sicher das AKW Beznau I noch ist.

Keinerlei Bedenken bei der Axpo

Trotz der etwa 950 Ultraschallbefunde für Materialfehler im Reaktordruckbehälter ist die AKW-Betreiberin Axpo fest davon überzeugt, dass «keine sicherheitstechnischen Vorbehalte für den sicheren Weiterbetrieb» von Beznau I vorliegen. Im Mai 2016 erklärte Mike Dost, Leiter Kernkraftwerk Beznau, etwas salopp: «Es geht darum, den Nachweis wissenschaftlich nachvollziehbar zu erbringen. Das wird seine Zeit in Anspruch nehmen. Da hilft alles Stöhnen nicht.» Für AKW-Leiter Mike Dost ist klar, dass es viel zu wenige Befunde an einem kleinen Ort in den Ringen gebe, «um besorgt zu sein». Für die Axpo scheint der Integritätsnachweis offenbar eher eine technische Angelegenheit, die mühsam ist, denn eine ernst zu nehmende Frage der Sicherheit.

Ist die Sicherheit überhaupt nachweisbar?

So einfach wie es die Axpo darstellt ist die Sache nicht. Denn der Reaktordruckbehälter (RDB), in dem sich der radioaktive Kernbrennstoff befindet, ist die wichtigste Komponente eines Kernkraftwerks. Infolge extremer radioaktiver Strahlung versprödet der Druckbehälter aus gegossenem Stahl im Laufe der Betriebsjahre. Die Sicherheit gegenüber Störfällen verschlechtert sich kontinuierlich. Simone Mohr, Spezialistin für Nukleartechnik und Reaktorsicherheit am Öko-Institut e.V., hat im März 2016 für Greenpeace einen Report zu den Ultraschallbefunden verfasst. Sie warnt: «Wenn der Reaktordruckbehälter durch einen Sprödbruch versagt, wird die Kühlung des Kernbrennstoffs unmöglich, ein schwerer Unfall droht. Sicherheitseinrichtungen gibt es für diesen Ernstfall nicht!»

Zum derzeit vom ENSI geprüften Sicherheitsnachweis der Axpo findet die Expertin klare Worte (siehe Interview): «Der Reaktordruckbehälter war bereits 2011 so stark versprödet, dass die Axpo damals schon grösste Mühe hatte, den Integritätsnachweis zu führen. Mit den neu gefundenen Materialfehlern hat sich das Problem verschärft. Die Integrität des Reaktordruckbehälters nachzuweisen, ist nach unseren Erkenntnissen – wenn überhaupt – nur unter erheblicher Reduzierung der Sicherheitsmargen möglich.»

«Too big to fail?» – Es geht um alles oder nichts

Die Axpo hat viel Geld in Beznau investiert. Seit 2008 insgesamt 700 Mio. Franken: 120 Mio. für neue Reaktordruckbehälter-Deckel, 500 Mio. für eine redundante Notstromversorgung und 80 Mio. für das neue Informationssystem. Hinzu kommen etwa 300 Mio. Franken Verlust, weil Beznau I seit März 2015 still steht. Klar also, dass die Axpo Beznau I angesichts von 1 Milliarde Franken so bald wie möglich wieder in Betrieb nehmen will.

Sicherheitsnachweis per Replikat?

War die Axpo anfänglich noch optimistisch, so musste das Einreichen des Sicherheitsnachweises stets verschoben werden. Verfeinerte Ultraschallmessungen wurden vorgenommen, der Giess- und Herstellungsprozess überprüft und, weil es an Originalmaterial fehlte, wurde ein Replikat, eine Nachbildung des oberen Kernrings «mit verblüffend ähnlichen Einschlüssen» angefertigt. Am 16. November 2016 endlich konnte die Axpo den Sicherheitsnachweis einreichen. Das ENSI forderte jedoch weitere Materialprüfungen und Berichte ein.

Fährt Beznau I wieder an?

Derzeit prüft das ENSI, unter Beizug des «International Review Panel» mit sieben international anerkannten Experten, den Axpo-Sicherheitsnachweis. Die Axpo rechnet «nach bestmöglicher Annahme» mit einem Entscheid per 31. Oktober 2017. Für Sicherheitsexpertin Simone Mohr hingegen ist klar: «Dass der Integritätsnachweis angenommen werden kann, ist schwer vorstellbar.» Darf Beznau I wieder hochfahren oder droht das Aus? Es wird spannend – auch angesichts der angedrohten Milliarden-Klagen der Axpo – wann und wie das ENSI entscheiden wird. Das E&U bleibt dran.

» Lesen Sie auch: Nachgefragt bei Simone Mohr, Expertin Nukleartechnik & Anlagesicherheit

 

Der Autor

Rafael Brand
E&U-Redaktor,
Inhaber von Scriptum, Büro für Kommunikation

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