Der Atomausstieg hilft dem Klima

Weder sind AKW CO2-frei, noch verfügen sie über das Potenzial, die fossilen Energieträger zu ersetzen. Einen wirksamen Klimaschutz gibt es nur mit dem geordneten Atomausstieg. Halten wir an der Atomenergie fest, verschwenden wir Zeit und Geld, lenken Investitionen in die falsche Technologie und blockieren den Weg in eine klimafreundliche Energieversorgung.
 
Der Klimawandel schreitet voran. Inzwischen nehmen ihn Gesellschaft und Politik als ernsthaftes Problem wahr. Ende 2015 wurden in Paris erstmals alle Länder in die Emissionsreduktion mit eingebunden, mit dem Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5°C resp. deutlich unter 2°C gegenüber vorindustrieller Temperaturen zu begrenzen. Nun gilt es, den Worten Taten folgen zu lassen. Vor diesem Hintergrund argumentieren die Befürwortenden der Atomenergie heute wieder mehr, dass Atomstrom «CO2-­frei» sei und versuchen so, die Atomenergie als Klimaretter hoch zu stilisieren. Die SES zeigt auf, warum das nicht funktioniert.

Atomstrom ist weder erneuerbar noch CO2-frei

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Ein Klimaschutzwunder ist Atomstrom nicht. Während des Betriebs entstehen zwar nahezu keine klimaschädigende Treibhausgase. Dieser Blick ist jedoch verengt, denn die Umweltschädigungen beginnen weit vor dem Betrieb. Atomstrom enthält wegen des Einsatzes von fossiler Energie auf den Vor-­ und Nachstufen1 der Produktionskette «graues CO2». Ein bedeutender Klimafaktor der Atomenergie liegt beim energieaufwändigen Abbau des Brennstoffs Uran. Das Metall kommt nicht frei in der Natur vor, sondern muss aus Erz gewonnen werden. Der Uranabbau und dessen Auf bereitung werden immer energieintensiver, denn Uran ist eine endliche Ressource, deren Konzentration im Boden abnimmt. Werden schlechte Uranvorkommen mit tiefem Urangehalt abgebaut, hat Atomstrom eine ähnliche CO2-Bilanz wie moderne Gaskombikraftwerke.

Nicht endgültig geklärt ist, wie hoch die totalen CO2-Emissionen der Atomenergie wirklich sind. Die Bandbreite reicht von 1,4 bis 288 Gramm CO2 pro Kilowattstunde bei einem Mittelwert von 66g CO2/kWh.2 Auch wenn Atomstrom im Schnitt deutlich besser abschneidet als Strom aus Kohle- ­ und Gaskraftwerken, CO2-­frei oder CO2-­neutral ist er bei weitem nicht.

Grafik: So ersetzen wir die Schweizer AKW

«Im Vergleich von der Wiege bis zur Bahre sind erneuerbare Energien alternativlos.»
Das Bild zeigt die Somaïr Uran Mine in Niger (© Greenpeace / Phillip Reynaers).

Atomenergie kann das Klima nicht retten

Weltweit sind knapp 440 AKW am Netz. Der effektive Beitrag der Atomenergie zur Deckung der weltweiten Energieversorgung liegt bei lediglich 2 %3, während erneuerbare Energien bereits 18 % ausmachen. Für eine spürbare Reduzierung von Treibhausgasen müssten Tausende zusätzlicher AKW gebaut werden. Die Realität zeichnet allerdings ein anderes Bild.4 In den nächsten 10 − 20 Jahren erreichen global über die Hälfte der AKW ihre Altersgrenze und müssen vom Netz. Alleine in Europa werden bis 2025 rund 50 AKW stillgelegt. Diese durch neue AKW zu ersetzen würde zu viel Zeit und
Geld in Anspruch nehmen. Ausserdem wären die endlichen Uranreserven dann in Kürze erschöpft.

Atomenergie ist ein Auslaufmodell

Atomenergie ist eine hoch komplexe Technologie und für einen breiten Ausbau ungeeignet. Sie wird immer teu­rer, u.a. wegen verschärfter Sicherheitsanforderungen beim Bau von AKW und damit einhergehenden Kostensteigerungen. Gleichzeitig sind die Kosten von Solarenergie um 24 % gesunken. Die zwei Lernkurven zeigen in unterschiedliche Richtungen: Steigende Kosten von Atomenergie vs. sinkende Kosten von Sonnenenergie. Die Atomenergie ist ein ökonomisches Auslaufmodell mit schwindendem Marktanteil und negativen Skaleneffekten bei den Kosten. Die stark gestiegene Wettbewerbsfähigkeit von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien drängt die Atomenergie ins Abseits. Keine CO2-­Reduktionsmassnahme ist ineffizienter, teurer und wirkt langsamer als Investitionen in AKW.5
nbsp

AKW stehen der Energiewende im Weg

Falls Atomenergie ein wirksames Mittel gegen den Klimakollaps wäre, so müssten Länder wie die USA (höchste Zahl an AKW) und Frankreich (höchster Atomenergieanteil) den niedrigsten CO2-­Ausstoss aufweisen.Das Gegenteil ist der Fall. Die USA haben weltweit sogar den höchsten CO2-­Ausstoss pro Kopf. Atomenergie als unflexible Grossstruktur korreliert mit hohem Energieverbrauch. Damit steht sie Einsparmassnahmen im Weg: Eine Laufzeitverlängerung führt neben den nuklearen Risiken zu enormen Stromüberschüssen.

Zudem verhindert die zentralisierte Atomenergie die Einführung von dezentralen erneuerbaren Energien. Wir können jeden Franken nur einmal ausgeben: Wer an der Atomenergie festhält, lenkt Investitionen und Forschungsmittel in eine veraltete, hoch risikobehaftete Technologie und blockiert den Weg in eine klima­ freundliche, erneuerbare Energieversorgung. Ein geordneter Atomausstieg hingegen kann zum entscheidenden Motor einer Innovations­ und Investitionsdy­namik werden, die den erneuerbaren Energien und Effizienztechniken zugute kommt.

Die Atomenergie will nur sich selbst retten

Atomenergie ist weder sicher noch kosteneffizient und deshalb auch keine Antwort auf den Klimawandel. Eine ehrliche Klimapolitik setzt auf Effizienzmassnahmen und den Ausbau von erneuerbaren Energien, um die fossilen Energieträger zu substituieren. Die Atomindus­trie möchte nicht das Klima retten, sondern nur sich selbst. An den Klimazielen der Schweiz wird der Atomausstieg nichts ändern.6

Zentral ist, dass die wegfallenden AKW nicht mit Kohle, sondern durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden. Der Mix aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse hat eine vergleichbare (eher tiefe) CO2-­Belastung wie Atomstrom. Schaut man sich aber den gesamten Prozess von der Wiege bis zur Bahre an, inklusive Umweltbelastung und Entsorgung, dann sind die Erneuerbaren alternativlos.

 

Dieser Artikel erschien im SES-Magazin «Energie und Umwelt», Ausgabe 3/2016.

Fussnoten

1 Urangewinnung, Transport, Herstellung der Brennstäbe und Wiederaufbereitung bzw. Lagerung.
2 siehe WISE-Paris: «L'option nucléaire contre le changement climatique», Okt. 2015.
3 Energie direkt ab Atomkraftwerk, also der Atomstrom und nicht Uran.
4 siehe World Nuclear Industry Status Report 2015.
5 siehe Austrian Energy Agency zu CO2-Vermeidungskosten: «Energiebilanz der Nuklearindustrie. Analyse von Energiebilanz und CO2-Emissionen der Nuklearindustrie über den Lebenszyklus», Wien 2011.
6 siehe ETH Zürich: «Energiezukunft Schweiz», November 2011.

 

Florian Brunner

Florian Brunner
Projektleiter Fossile Energien & Klima

Tel. 044 275 21 24
Mail: florian.brunner@energiestiftung.ch
Twitter: @flo_brunn

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Energie und Umwelt, Ausgabe 3/2016

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